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Freilich ist dieser Aufschwung nur ermöglicht durch das Steigen des allgemeinen Volkswohlstandes, der Unterschied zwischen früher und jetzt tritt drastisch zu tage, wenn man die dürftigen alten Häuser der Kaiserstrasse, von denen in der Nachbarschaft der beiden Apotheken eins das andere mühsam stützt und hält, vergleicht mit den stattlichen Villen, die längst den Raum der alten Vorstädte überschritten haben oder mit dem prächtigen Umbau des alten Rentamtes. Das Steigen des Volkswohlstandes selbst aber ist wieder bedingt durch die nach innen und außen gesicherte Stellung unseres Staatswesens; nach innen durch die Verfassung(Konstitutions-Eiche von 1820 resp. 1845), nach außen durch den Eintritt Oberhessens in den Norddeutschen Bund(1866) und die damit eingceleitete Errichtung des Deutschen Reiches(1870/71).
Und wenn in der Blütezeit Friedbergs alle deutsche Kaiser, von Friedrich II., Richard v. Cornwallis und Wilhelm von Holland bis auf Karl V. der Stadt Besuche abstatteten, so steht am Beginn seines neu- zeitlichen Aufschwungs die Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. am 11. Sep- tember 1874.
Wir haben rückwärts gewandt der großen Vergangenheit der Stadt gerecht zu werden versucht, wir gewahren aber zugleich vorwärtsschauend überall die Anfänge einer entwicklungsfrohen, hoffnungsfreudigen Zukunſt, gestützt auf die großen Errungenschaften der Gegenwart.
Das ist ja Wert und Wesen aller Geschichtsbetrachtung, was F. W. Weber so sinnig in die Worte kleidete:
Und da sich die neuen Tage
Aus dem Schutt der alten bauen,
Kann ein ungetrübtes Auge
Rückwärts blickend vorwärts schauen. Dreizehnlinden.


