Chronik der Höheren Bürgerschule zu Schlitz.
1900— 1910.
Die höhere Bürgerschule zu Schlitz wurde Ostern 1900 gegründet. Pliermit war ein lang gehegter Wunsch der Stadt Schlitz in Erfüllung gegangen. War es doch auch zu einem dringenden Bedürfnis geworden, die Privatschule, die vorher hier bestand, umzugestalten und in die Zahl der staatlich unterstützten Anstalten einzureihen. Die Gründung der neuen Schule wurde vor allem dadurch erleichtert, daß das Kuratorium der Privatschule in dankenswerter Weise das ganze Inventar zur Verfügung stellte. Ehrerbietigster Dank gebührte auch Sr. Erl. dem Grafen von Schlitz, gen. von Oörtz für die kostenlose Ueberlassung zweier Schulsäle im Seitengebäude der Vorderburg. Einen dritten Schulsaal stellte die Stadt zur Verfügung.
Zum Leiter der Anstalt wurde durch Verfügung hoher Behörde vom 18. April 1900 der Lehramts- accessist Dr. Ad. Flechsenhaar ernannt. Weitere Lehrstellen erhielten Fräulein Pauline Schneegans, die seither an der Privatschule tätig war, und Herr Lehrer Gustav Zöll. Den evangelischen Religionsunterricht übernahm Herr Stadtpfarrer Schmidt.
Am 1. Mai wurde die Schule feierlich eröffnet. Herr Bürgermeister Zinßer führte die Lehrer in ihr Amt ein. Hierauf begann der Unterricht.
Dieser wird nach dem Lehrplan der Realschulen des Großherzogtums Hessen von 1800 erteilt. Für das erste Jahr mußten jedoch einige Abweichungen eintreten, da in die oberen Klassen auch Schüler aus der Volksschule übernommen wurden, und der Lehrplan der Privatschule wesentlich von dem jetzigen Lehrplan abwich. Im ersten Jahre umfasste die Schule vier Klassen, VI— UIb. Verschiedenen Wünschen gegenüber genehmigte die oberste Schulbehörde den wahlfreien Lateinunterricht.
Zu Anfang des Schuljahres betrug die Schülerzahl 38, worunter sich 10 Mädchen befanden.
Am 1. Oktober 1000 wurde der Leiter zum Lehramtsassessor ernannt.
Am 19. Januar 1901 beehrte Herr Geheimer Oberschulrat Nodnagel die Anstalt mit seinem Besuch und wohnte dem Unterricht in allen Klassen bei.
Das Kuratorium bestand aus folgenden Herrn: Bürgermeister Zinßer als Vorsitzender, Beigeordneter Jaeger, Ortsgerichtsvorsteher Frank, Bleichereibesitzer Kaiser und der Leiter der Anstalt.
1901/1902.
Am Schlusse des ersten Schuljahres betrug die Schülerzahl 35. Zu Anfang des neuen Schuljahres wurde eine neue Klasse, die Obertertia aufgesetzt. Die Schülerzahl betrug dann 47.
Durch Allerhöchste Verfügung wurde die Schulverwalterin Fräulein Pauline Schneegans am 20. September 1001 zur Lehrerin an der höheren Bürgerschule ernannt.
Am 23. Oktober 1001 wurde die Wahl des Herrn Stadtpfarrers Schmidt zum Dekan des Dekanats Lauterbach bestätigt. Weiter wurde demselben durch allerhöchstes Dekret vom 14. Dezember 1001 die erste ev. Pfarrstelle mit gleiehzeitiger Verleihung des Titels„Oberpfarrer“ übertragen.
Am 20. Juni 1001 faßte der Stadtvorstand den Beschluß, der Schule ein würdiges Heim zu geben. Seither hatten der Anstalt nur drei Schulzimmer zur Verfügung gestanden, die dazu noch in zwei verschiedenen Gebäuden untergebracht waren. Auch wiesen die drei Säle bedeutende Mängel auf.
Der Umbau des Hauses, das die Stadt für die Schule erwarb, begann bereits im Sommer 1001, sodaß die feierliche Einweihung des Gebäudes am 6. Januar 1902 stattfinden konnte. Der erste Teil der Feier fand in der Schule statt. Die Fortsetzung wurde unter sehr zahlreicher Beteiligung im Guntrumschen Saale abgehalten. Das Schulministerium hatte schriftlich seine Glückwünsche dargebracht. Se. Erl. der Graf von Schlitz beehrte mit Sr. Erl. dem Erbgrafen die Feier durch seine Anwesenheit.
Das neue Schulhaus, das noch heute die Anstalt beherbergt, liegt mit seinen schönen Sälen in hübscher, ruhiger Lage neben dem Hinterturm, in nächster Nähe der Kirche und des Marktplatzes. Der große Kirch- platz ist den Schülern als Spielplatz überlassen..
Der Stadtvertretung und ganz besonders Plerrn Bürgermeister Zinßer gebührte der Dank für das große Interesse, das sie bei dem Neubau der Schule entgegenbrachten, wodurch die gesunde Weiterent- wicklung der Anstalt bedingt war.
In diesem Schuljahre wurde auch der Grund zu einer Schülerbibliothek gelegt. Den Anstoß dazu gab Herr Richard Zinßer, der der Anstalt zu diesem Zweck 15 Bände übergab. Außerdem wurden aus Schülerkreisen dafür namhafte Beiträge gespendet.


