Aufsatz 
Ungedruckte Briefe des Prinzen Leopold von Hessen-Homburg und seiner Geschwister : 1804-1813 / von E. Schulze
Entstehung
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wo sie das Glück genoss, mit dem Vater und ihrem Bruder Leopold zusammen zu sein. Letzterem schrieb sie aus Berlin am 16. Dezember:Tausend Dank, teurer Lespoide, für Deinen schönen, langen Brief. Ich kann Dir die unend- liche Freude, welche er mir verursachte, gar nicht schildern. Gern hätte ich Dir geantwortet, wenn ich nicht dazu ver- urteilt wäre, den ganzen Tag auf einem Ruhebette zuzubringen. Lasse Dich aber darum nicht ängstigen, lieber Leo, denn ich bin recht wohl.... Du hast recht, Dich nicht weiter auszulassen über das wirklich strafbar lange Stillschweigen; aber um deiner Demut willen sei Dir diesmal verziehen. Ja Rudolstadt der Aufenthalt soll mir sobald nicht vergessen (sein), es war eine herrliche Zeit! Dass ich Dich bat, den andern Morgen noch zu kommen, war nicht mein Ernst. Ich sagte es nur, weil es mir zu wehe that, förmlich von Dir am Abend Abschied zu nehmen.

Am 18. Januar 1805 schreibt sie, bevor sie zum Souper zu Prinz Ferdinand*) geht:Ich sitze hier im grössten Putz, mit einem Diadem von Brillanten und einem Rock mit langen schwarzen Spitzen. Mein Schwager Heinrich**) nennt mich nicht anders heut wie Andromache, die trojanische Prinzess... Was mich sehr freut, teurer Lespoide, ist, dass Du Geschmack an Schillers Werken findest, denn die wirst Du genug bei uns hören. Ueberhaupt wünsche ich, dass Du mit einer grossen Dosis Lektüre- und zumal Geschichts-Lust hier an- kommen magst. Ich finde tausendmal mehr Freude daran, seitdem ich angespornt bin, mit jemand sie zu studieren.***) Nun lebe wohl, behalte in Deinem Herzen Marianne.

*) Prinz Louis Ferdinand, geboren den 18. November 1772 als Sohn des Prinzen Heinrich, des Bruders Friedrichs des Grossen, fiel am 10. Oktober 1806 bei Saalfeld.

**) Prinz Heinrich, geb. am 30. Dezember 1781, war 1 ½ Jahr älter als Prinz Wilhelm.

***) Im Winter 1804/5 las Prinz Wilhelm seiner Gemahlin abends nach dem Theefast alle Stücke von Schiller, einige Stücke von Goethe, viel von Voltaire, Racine, Corneille, die Iliade und das befreite Jerusalem von Tasso vor. S. W. Baur, Prinzess Wilhelm S. 66.