Aufsatz 
Über Verschmelzung lateinischer Adjektiva mit nachfolgenden Substantiven zu einem Gesamtbegriffe
Entstehung
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Uber Verschmelzung lateinischer Adjektiva mit nachfo Substantiven zu einem Gesamtbegriffe.

Es ist eine bekannte Thatsache, dass in den romanischen Sprachen, besonders auch im Französischen, neben der echten, ursprüng- lichen Wortzusammensetzung die Juxtaposition einen bedeutenden Raum einnimmt. Wir haben es hier nicht mit der Zusammensetzung von Wortstämmen, sondern mit der Verbindung von selbständigen Worten zu thun, von welchen das eine in syntaktischer Hinsicht von dem andern abhängt; die durch den Sprachgebrauch herbeigeführte enge Verbindung derselben er- zeugt eine neue Begriffseinheit.

Wenn eine solche Wortverbindung aus Adjektiv und Substantiv besteht, so wird das Beiwort, weil es die hervorstechendste Eigen- schaft des Gegenstandes bezeichnet, durch deren Hervorhebung der Artbegriff von dem Gattungsbegriffe gesondert wird, gewöhnlich dem Substantiv vorangestellt. Da beide Worte ursprünglich ein selbatändiges Leben führen, so hat jedes anfangs seinen eigenen Akzent, aber da der Sprachgebrauch sie dicht an einander rückt, wird ihre Verbindung im Laufe der Zeit immer inniger; zuletzt ver- schmelzen sie zu einem einzigen Wortkörper, der von einem einzigen Akzente beherrscht wird.

Der Aussprache ist die Schrift, wenngleich in weitem Abstande, gefolgt. Drei verschie- dene Schreibweisen veranschaulichen uns den Ubergang von der Freiheit der französischen Juxtaposita*) bis zu ihrer Verschmelzung. Für die erste Stufe mögen als Beispiele dienen: bon sens, haut mal, moyen àâge; für die zweite: basse-cour, beau-père, chauve-souris, petites- maisons; für die dritte: aubépine(= alba spina), gentilhomme, malheur, midi, plafond. Aus dem ltalienischen vergleiche man: pri- mavera, belvedere, Piccoluomini.

In allen diesen Fällen fasst das Sprach- gefühl die beiden Bestandteile als eine be- griffliche Einheit auf, während die Schreib- weise auf der ersten Stufe die Bezeichnung der Zusammengehörigkeit unterlässt, auf der

*) Vgl, A. Darmesteter, Traité de la formation des mots composés dans la langue française. Paris 1875. S. 20 ff. Fr. Diez, Grammatik der roman. Spr. II. 3. Aufl S. 408.

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zweiten sie nur andeutet und erst au dritten sie dem Auge deutlich macht.

Die Anfänge der in den romanischen Sprachen weitverbreiteten Juxtaposition sind bereits in der lateinischen Sprache deutlich zu erkennen. Verbindungen wie aquaeductus, legislator, manumiesio, benedicere gehören hier- her; von ihnen sagt Priscian V, 61. H. sub uno accentu ea proferentes composita esse ostendimus.

Die vorliegende Abhandlung verfolgt den Zweck, diejenigen lateinischen Juxtaposita, welche aus Substantiven mit vorangestellten Adjektiven gebildet sind, hauptsächlich aus dem Bereiche der klassischen Schriftsteller nachzuweisen.

Der Uatersuchung stellten sich zwei Schwierigkeiten entgegen, eine innere und eine äussere. Der Geist der lateinischen Sprache ist auf Freiheit der Wortstellung gerichtet, d. h. das Gewicht der Bedeutung und die Rücksicht auf den Wohlklang bestimmen die Anordaung der Worte; dadurch wird der Festigkeit der Juxtaposition entgegengearbeitet. Ferner konnte nicht die ganze Litteratur gleich- mässig in den Bereich der Beobachtung ge- zogen werden, sondern es mussten einzeine Schriften durchgesehen werden(solche sind M. Catonis quae extant. rec. H. Jordan; Plauti Miles gloriosus; Terentii Andria, Phormio; Quinti Ciceronis reliquiae rec. Buecheler; Cor- nelius Nepos; Sallust; Livius 24 30; Velleius Paterculus; Tacit. annal. 14. 15; Sueton.) über andere Schriftsteller gewährten Wörterbücher, z. B. Merguet zu Ciceros Reden und zu den Schriften Caesars, die jedoch nicht zu dauernder Benutzung bequem zur Hand waren, Auskunft.

Diese Schwierigkeiten werden es ent- schuldigen, wenn die Wortverbindungen der bezeichneten Art nicht vollzählig aufgeführt sind, und die Belegstellen ergänzungsbedürftig erscheinen. Immerhin wird, wie wir hoffen, sich aus den angeführten Stellen ein ziemlich richtiges Bild von dem Grade der Festigkeit der einzelnen besprochenen Wortverbindungen ergeben. Die Stellen, an welchen das Adjektiv sich seinem Substantiv nachgestellt findet, sind

in Klammern beigefügt. 2