Am 22. Februar ergeht außerdem eine Bittſchrift von 809 Bürgern des Nordends an den Magiſtrat; ſie erörtert eingehend die Bedürfnisfrage einer zweiten Oberrealſchule und bejaht ſie, weiſt auf die Unbilligkeit hin, die darin zu liegen ſchien, daß gegenüber der Klingerſchule die Schweſteranſtalt dauernd zurückſtehen müſſe.
Auch eine zahlreich beſuchte Cerſammlung des„Nordend⸗Vereins“ hatte ſich mit„der geplanten Leränderung in der Organiſation der Adlerflychtſchule“ beſchäftigt. In die ſehr ſtürmiſche Beſprechung griff, ſachlich aufklärend und Irrtümer widerlegend, auch ein Lehrer der Adler— flychtſchule, Herr Dr. Reichenbach, ein und zog ſich durch dieſe„aktive Teilnahme am öffent lichen Leben“ damaligen Grundſätzen entſprechend die Mißbilligung ſeiner Lorgeſetzten zu.
Trotz dieſer wohlbegründeten Eingaben beſchließt der Magiſtrat am 20. April 1892,„daß derzeit von der Ausbildung der Adlerflychtſchule zur Oberrealſchule Abſtand genommen werde, da ein Beduͤrfnis hierfür gegenwärlig nicht vorliegt 44
Die für die zukünftige Entwicklung der Adlerflychtſchule ausſchlaggebende Frage war alſo zum zweiten Male ungünſtig entſchieden. Rein verwaltungsmäßig, d. h. vom Standpunkt des damals feſtſtellbaren und zwar auf die Lergangenheit ſich gründenden Bedürfniſſes iſt die Stellungnahme des Kuratoriums(Vorſitzender: Bürgermeiſter Dr. Heuſenſtamm) ver⸗ ſtändlich; allzu große Vorausſicht hat man dabei nicht erwieſen, denn gerade von der Neuregelung im Jahre 1892 an, die der lateinloſen Oberrealſchule als neue Berechtigungen das Studium des Baufaches, der Forſtwiſſenſchaft, der Mathematik und Naturwiſſenſchaften auf den Univerſikäten mit dem Ziele der Zulaſſung zur Prüfung für das höhere Lehramt brachte, beginnt ein außerordentliches Anwachſen der Realanſtalten, deren Schülerzahl in Preußen innerhalb zehn Jahren von 1890— 1900 über das Doppelte hinauskommt. Liel⸗ leicht ſchwebten dem tüchtigen Kommunalpolitiker ſchon Schulnotwendigkeiten vor, die mit der ſtärkeren Ausdehnung Frankfurts nach Weſten(Bockenheim) und Süden ſich ergeben könnten. Tatſächlich hatte der Bezirksverein Sachſenhauſen ſchon ſeit 1880 dem Magiſtrat wiederholt die Bitte vorgetragen, eine Realſchule ſüdlich des Mains zu errichten; tatſächlich wurde nach der Eingemeindung Bockenheims eine dort beſtehende Realſchule von der Stadt übernommen(1896)
Für die Adlerflychtſchule bedeutete die damalige Entſcheidung eine bitlere Enttäuſchung, beſonders ſchmerzlich empfunden von ihrem um das Frankfurter Schulweſen ſo wohlverdienten Direktor. Er hatte ſich mit ſeiner ganzen Perſönlichkeit für den Aufbau und Ausbau der ihm anvertrauten Schule eingeſetzt, er hatte, als er mitten im Schaffen war, aus Liebe zur Sache, aus Freude an der wohlgelingenden Arbeit 1883 eine Verſetzung an die Klinger— Oberrealſchule abgelehnt; er mußte in den letzten Jahren ſeiner arbeits- und erfolgreichen Tätigkeit einer Schulart leitend vorſtehen, die er, ſeiner innerſten ÜUberzeugung als Fachmann folgend, ſelbſt als ein Rumpfgebilde, als eine Arbeitsſtätte ohne die verdienten Genußſtunden des Feierabends, als ein Werk ohne Krönung auffaßte. 1
Es konnte für ihn kaum eine Genugtuung bedeuten, daß die Unter und Mittelſtufe ab Oſtern 1887 im Doppelzug heranwuchs. Die Schulbeſuchsziffer ging wohl auf den Mißerſolg in der Oberrealſchulfrage hin zunächſt ſtark zurück.— Auch die Elternſchaft des Nordends ſchickte ihre Söhne, die die Lollanſtalt durchmachen ſollten, ſchon von VI. an zur Klingerſchule, um die in den Augen der Eltern und Schüler ſo ſehr überſchätzte und deshalb gefürchtete Abſchlußprüfung der Realſchule zu vermeiden. 5


