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Wir nehmen hieraus Anlaß, hervorzuheben, daß in Mainz, ſowie überhaupt im Rheinland und Süd⸗ deutſchland, die Realſchulen einen vorherrſchend bürgerlichen Charakter behaupten, indem ihre Schüler ſich dem Handel und den Gewerben widmen und nur ausnahmsweiſe auf Staatsanſtellungen reflektiren. Es iſt dies auch ſehr begreiflich, wenn man ſieht, wie raſch und leicht Handel und Induſtrie ihre Befliſſenen in reichlich lohnende Stellungen befördern, während ſich im Staats⸗, Poſt⸗ und Militärdienſt bei großen Anforderungen und koſtſpieligen Vorſtudien nur äußerſt mäßige Ausſichten eröffnen.
Es erſcheint uns daher nicht recht erklärlich, wie man anderwärts, insbeſondere in Preußen, beſtrebt iſt, die Realſchulen ihres bürgerlichen Charakters zu entkleiden, ſie mehr und mehr den Gymnaſien zu conformiren und in Vorbereitungsanſtalten für Staatszwecke umzuwandeln. Es hat dies namentlich zu einem Cultus des Lateinunterrichtes geführt, den wir für unnatürlich halten, indem für die oben bezeichneten Lebenskreiſe das Studium der neuen Sprachen, der Mathematik und der Naturwiſſenſchaften hinreichend bil⸗ dende Momente abgiebt. Wie wenig jene den Realſchulen gegebene Richtung auch dort gerechtfertigt erſcheint, beweiſt der geringe Beſuch der über das bürgerliche Bedürfniß hinausreichenden Oberklaſſen.
Allerdings findet ſich in größeren Städten und deren Umgebung ein Contingent von Schülern, welche ein Ausbildungsbedürfniß haben, das hinausgeht über die mit dem einjährigen Beſuch der Prima erreichten Berechtigung zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt. Es ſind dies hier zu Lande ſolche, die der höheren Privatinduſtrie ſich widmen, wozu ſich erfreulicherweiſe auch einige aus dem Kaufmannsſtande geſellen, die eine weitergehende Bildung beanſpruchen. Endlich kommen hierzu noch die vereinzelten Fälle der Militär⸗ und Poſtaſpiranten, ſo daß hieraus ein Material ſich anſammelt, das uns zur Errichtung einer zweijährigen Oberprima ſowie zur Einführung eines fakultativen Lateinunterrichtes veranlaßt hat, der ganz den fachlichen Charakter hat, wie das Hebräiſche für die Theologen in den Gymnaſien. So bleibt die unter der Oberprima ſtehende Realſchule völlig intakt als bürgerliche Bildungsanſtalt.
Aus unſerer Oberprima gehen demnach Abiturienten von drei Categorien hervor: erſtlich ſolche, die keine höhere Lehranſtalt weiter zu beſuchen beabſichtigen, ſondern ſofort ins Geſchäftsleben eintreten; zweitens ſolche, die ſich zum Beſuche des Polytechnikums vorbereiten, um ſpäter in die Privatinduſtrie einzutreten, wozu Nie⸗ mand an ſie die Anforderung der Kenntniß des Lateins ſtellt, und endlich ein ſpärlicher Antheil ſolcher, die eine Verwendung im Staate ſuchen, an die eine gewiſſe Kenntniß von Latein als Bedingung geknüpft iſt, die ſie in einem beſonderen Examen nachzuweiſen haben.
Wir glauben verlangen zu können, daß man dieſer natürlichen, aus den Lebensverhältniſſen hervor⸗ gehenden Geſtaltung Rechnung tragen, und daß man hiernach das Statut und die Berechtigungen für unſere Realſchule zu formuliren haben werde.
Indem wir den Faden unſeres Jahresberichtes wieder aufnehmen, bemerken wir, daß der Geſundheits⸗ zuſtand im verfloſſenen Schuljahre bei Lehrern und Schülern ein befriedigender war.
Am 26. Dezember verſchied nach kurzer Krankheit in Oppenheim Georg Senfter, Sohn des Herrn Johann Senfter daſelbſt, ein braver Schüler von ſanftem Charakter. Leider verhinderte die Entfernung des Ortes eine Betheiligung der Realſchule an der Beerdigung des Verewigten, dem die Schule ein gutes Andenken bewahrt.
Gegen Ende des Schuljahres erklärte unſer Herr Kollege Magnus, der ſeit 1859 die Stelle eines Schreiblehrers mit beſtem Erfolg verſehen hat, daß er genöthigt ſei, dieſelbe niederzulegen. Ein Leiden des Gehörs, insbeſondere aber zunehmende Schwäche der Augen hatten bereits ſeit einigen Jahren die Thätigkeit dieſes eifrigen und gewiſſenhaften Lehrers erſchwert und mehrfach unterbrochen, den wir, wenn auch mit Bedauern, aus unſerm Kreiſe ſcheiden ſehen, doch zugleich mit dem Wunſche, daß er recht lange der wohlverdienten Ruhe ſich erfreuen möge.
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