Die altklaſſiſchen Studien,
insbeſondere die lateiniſchen Stilübungen in unſern Gymnaſien.
Wenn in Deutſchland Schule und Leben oft neben einander genannt werden, und die Schule noch die erſte Stelle erhält, ſo mag man darin für die Bedeutung der Schule eine Anerkennung finden, über die ſie ſelbſt und ihre Freunde ſich wohl freuen mögen. Leider aber— und dadurch wird die Freude etwas getrübt— ſteht mit dem geſteigerten Einfluſſe der Schule, ſowie mit der ihm gewordenen Anerkennung auch ein bedenklicher Irrthum in engem Zuſammenhange, der nämlich, daß die Schule Alles vermöge, und daß auf ihr alles Heil der geſammten Menſchheit beruhe. Dieſer Irrthum, zu deſſen Entſtehung und Verbreitung übrigens der Lehrſtand ſelbſt nicht am wenigſten beigetragen hat, wirkt nach zwei Seiten hin nachtheilig. Bei den Lehrern führt er, um andrer Folgen nicht zu gedenken, zu einer Ueber⸗ ſchätzung der eigenen Wirkſamkeit, und das Publikum ſtellt zu hohe Anforderungen an die Schule, indem es einerſeits alles Gute von ihr erwartet, andererſeits ſie auch für alle in der menſchlichen Geſellſchaft hervortretenden Auswüchſe verantwortlich macht.
Unzweifelhaft übt die Schule einen großen Einfluß auf die Zuſtände der Menſchheit, aber ſie wirkt nur als einzelner Faktor neben manchen andern Faktoren, nicht als der einzige; für ſich allein geſtaltet ſie heutzutage das Leben ſo wenig, daß ſie ſelbſt vielmehr von dem Leben ihre Einrichtung und Geſtaltung erhält. Unterſtützt und getragen von der Anerkennung ihres Einfluſſes hat ſie nach größerer Selbſtſtändigkeit geſtrebt, und es iſt ihr gelungen, von der Herrſchaft der Kirche ſich mehr oder minder frei zu machen, aber um, wie es ſcheint, in eine andere Dienſtbarkeit zu kommen: ſie iſt nämlich mit ihren Beſtrebungen und Einrichtungen ſo abhängig geworden von den jeweiligen Anſichten und Strömungen der Zeit, daß Lehrern und Schülern wohl das alte Lied empfohlen werden könnte:„Mitten wir im Leben ſind“, wenn nur die unmittelbar folgenden Worte nicht gar zu verhängnißvoll lauteten.
Die Schule der Gegenwart ſoll und muß das Leben im Auge behalten; ſie kann ſich nicht mehr, wie die Schulen des ſechzehnten Jahrhunderts, die nur für einen einzelnen Stand arbeiteten, abſchließen und iſoliren; ſie ſoll ſich aber nicht jeder Forderung der Zeit anbe⸗ quemen und dem Leben wie eine Magd dienen, die— man geſtatte die Ausführung des Ver⸗ gleichs— ſich gefallen laſſen muß, nach dem Belieben der Herrſchaft, eine eben angrjaugene
Arbeit ganz liegen zu laſſen oder eine neue noch dazu in Angriff zu nehmen. 3 1


