— 6—
Man hat behauptet, die Heimatgeschichte biete zu viel wertlose Einzelheiten. Aber das Gedächtnis des Schülers ist noch aufnahmefähig, und gerade den Einzelheiten ist sein Interesse auf dieser Stufe zugewandt. Er interessiert sich mehr dafür, wie hoch und wie dick die Mauern Bensheims im dreissigjährigen Krieg waren, als für die Pläne, die Wallensteins Handeln bestimmten. Und gerade zur Detailmalerei muss die Heimatkunde verwendet werden. Man kann z. B. die Schrecken des 30 jährigen Krieges nicht besser schildern, als dadurch, dass man die Schicksale unserer Heimat in damaliger Zeit dem Schüler vor Augen führt.
Oberklassen.
Der Unterricht der Prima muss von der Thatsache ausgehen, dass der Verstand auf dieser Altersstufe die Oberherrschaft über die anderen geistigen Thätigkeiten angetreten hat. Der Geschichtsunterricht der Oberklassen verlangt also die Verknüpfung und Trennung der Vorstellungen nach logischen Gesetzen, die Beurteilung nach Analogie und Kontrast, die Bildung von Reihen und Gruppen. Nicht mehr die Kenntnis der Thatsachen, sondern das Er- fassen des pragmatischen Zusammenhangs ist die Hauptsache.
Eine wesentliche Aufgabe liegt ausserdem darin, dass dem Schüler, ehe er die Anstalt verlässt, eine Reihe von Begriffen aus Verfassung, Volkswirtschaftslehre, Kulturgeschichte zu dem Mass von Klarheit gebracht wird, das derjenige haben muss, der ins praktische Leben hinaustritt.
Auch dieser Unterricht muss von der Heimatkunde durchdrungen sein, aber in ganz anderer Weise, wie der Tertiaunterrieht. Die einzelnen Thatsachen der Heimatgeschichte sind hier gleichgültig, aber für die Behandlung des verfassungsgeschichtlichen, volkswirtschaftlichen und kulturgeschichtlichen Materials müssen die heimatlichen Zustände zum Ausgangspunkt genommen werden. Was der Schüler hört über Verfassung, Verwaltung, Gerichtswesen, Steuer- wesen, Heerwesen, kann ihm nur auf diese Weise klar gemacht werden. Gerade die mittel- alterliche Geschichte verlangt eine Reihe von Begriffen, die nur dann an den Schüler heran- gebracht werden können, wenn sie an konkreten Fällen aus der Heimatgeschichte anschaulich gemacht werden: die Gau- und Centeinteilung, die Lehnsverfassung, das Gerichtswesen, die eigentümliche Stellung der geistlichen Gebiete. Eine mittelalterliche Königswahl lässt sich schildern im Anschluss an die Königswahl Konrads II. zu Kamben. Eine mittelalterliche Reichs- versammlung lässt sich darstellen im Anschluss an den Reichstag Heinrichs IV. zu Trebur 1066.
Auch die kulturgeschichtlichen Ausführungen verlangen die Anlehnung an die Heimat. Die kurfürstliche Entwicklung verfolgt der Schüler an Mainz und Pfalz, die fürstliche an Hessen. Die Bedeutung der Klöster lässt sich an Lorsch anschaulich machen. Auch für die Darstellung des Ritterstands bietet die Lokalgeschichte reiches Material. Die städtische Entwicklung lässt sich verfolgen an Mainz und Worms einerseits, sowie an Frankfurt anderer- seits. Weniger günstig liegen die Verhältnisse für den Bauernstand, doch bietet auch hier die Bewegung des Bauernkriegs im Neckar- und Mainthal Anknüpfungspunkte. Eine Reihe von kulturgeschichtlichen Zeitbildern kann an heimische Erinnerungen anschliessen: Fehdewesen, Femgerichte, Diether II. von Katzenellenbogen und Walther von den Vogelweide, Frauenlob und die erste Meistersingerschule in Mainz, rheinischer Städtebund, Erfindung der Buchdrucker- kunst, der Humanist Johann von Dalberg in Ladenburg, Anna Sophie von Hessen die Dichterin geistlicher Lieder, Hexenverbrennungen, Waldenserkolonien, Ernst Ludwig und die Alchemie, Ludwig VIII. und die Parforcejagden, die langen Leute Ludwigs IX., die grosse Landgräfin, die Jakobiner in Mainz.
Für die Einführung in die Kunst und besonders für die Kenntnis der Baustile bilden die zahlreichen Kunstdenkmäler unserer Heimat reiches Material. Einer der grossen romanischen


