Aufsatz 
Hundert Jahre Elisabethenschule. Hofmannsches Institut Darmstadt. 1832 - 1932 / Hrsg. v. d. Leitung der Elisabethenschule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

daß mir in der Zeichenſtunde ſtatt der Gipsornamente Köpfe zum Nach⸗ zeichnen gegeben wurden, ſie trat in der Mathematik für die hoffnungs los Unbegabte ein, rettete deren Ehre vor Lehrerin und Klaſſe und hob das geknickte Selbſtvertrauen mit feinſter pſychologiſcher Behandlung. Frei zu wählende Aufſatzthemen gaben Gelegenheit, auch anders geformte Begabung zu betätigen. Auch Aufführungen halfen dazu, die ſie an Schulfeiern oder zum Beſten ihrer Armen, beſonders bei den großen Schul⸗ weihnachtsbeſcherungen veranſtaltete. Wie gerne denke ich an dieſe Feiern, als an den erſten Eindruck von Schillerſcher und Goetheſcher Größe und Schönheit, lange bevor ich noch ſelbſt mittun durfte: Iphigenie auf Aulis(mit der leider ſo frühe heimgegangenen Dora Uhrich), Szenen aus Maria Stuart, die Goetheſche Iphigenie, Turandot in wahrhaft fürſt lichem Glanz der Aufmachung(nie hat ſie mir auf der Bühne ſpäter ſo großen Eindruck gemacht, wie unter Frl. v. Szezepanskis Regie). Ein junges Mädchen der erſten Klaſſe durfte den Prolog verfaſſen, ſpäter kam ſie oft mit derartigen Wünſchen zu mir. Franzöſiſche und engliſche Luſtſpiele liefen übend und luſtig dazwiſchen.

Ach, meine liebe Klaſſe! Was haben wir doch alles an- und auf geſtellt! Wißt Ihr noch die Frühlingsfeiern, Frl. v. Szezepanskis Ge burtstag, an dem der Maiwein aus Eimern floß, und die boshafte Sage behauptete, Spül⸗ und Bowleneimer, die einträchtig neben einander im Abſtellraum ſtanden, würden ſolange verwechſelt, bis ſie nicht mehr zu verwechſeln waren! Wißt Ihr es noch? Wißt Ihr noch die Exkurſion auf das Turnhallendach, das Strafgericht, die angedrohte Reparatur⸗ rechnung, die wir niemals bezahlt haben? Die Turnſtunden, Ausflüge, die Spiele im Hof? Nonn' und Räuber?

Die entſetzlichen Augenblicke, wenn Eine mal nach dem Unterricht bei Fräulein v. S. antreten mußte! Gefolgt von Teilnahme, Hoch ſpannung, Senſationswonne!Jula Walther, Du ſollſt ſofort nach der Stunde zu Fräulein von Szezepanski kommen! Wie? Was? Ent ſetzen! Die Auftragausrichtende bekam Mitleid:Es iſt vielleicht gar nichts ſo Schlimmes, vielleicht wegen einer Rolle zum Weihnachtsſtück, oder ſo. Na, die Stunde ging auch herum, und ich ſchlich den langen Gang runter zum Allerheiligſten, dem gemütlichen und ein wenig konven tionellen Raum: Boudoir, Empfangs- und Gerichtsſtätte. Diesmal kam ich aber garnicht hinein. Fräulein von Szezepanski gab mir heraus⸗ tretend ſehr eilig, ſehr flüchtig ein Heft,nimm das mit, ſieh Dir's an, es iſt die Hauptrolle. Die Hauptrolle ich?! Sie war ſchon vor über, und die Klaſſe umringt mich mit Fragen, was hat ſie gewollt? Gelt, eine Rolle? Hab' ich's nicht geſagt? Betäubt mach' ich mich los, renne heim, leſe den Anfang, ſoviel Zeit nehme ich mir doch, und komme faſt ſchluchzend die Treppe hinauf.Um's Himmelswillen, was iſt geſchehen? Was haſt Du angeſtellt? Meine Mutter da hat ſie ſchon das Heft in der Hand. Die Hauptrolle!!

Na und? Aber ſo freu Dich doch! Freuen, auch noch freuen! Wild empört heul' ich los:Ich ſoll ein Bauernmädchen ſpielen, das von

22