Ich weiß noch, wie ich, auf der erſten Schulbank ſitzend, den Duft ihres Kleides einſog, überſchauert von Angſt und prickelnder Hoffnung, ſie könnte mich etwas fragen!—
Meine erſte an ſie gerichtete Frage galt, höchſt blamabel, einem vergeſſenen Handarbeitskörbchen, doch ging der peinliche Augenblick unter der feſten Aſſiſtenz meiner Freundin Gertrud gnädig vorüber.—
Ich glaube, ſie kannte ihre Kinder bald, während dieſe ſie nur lang⸗ ſam kennen lernten. Das machte, ſie hatte Liebe, wenn auch in etwas herber Schale, vielleicht auch zuerſt nur den Willen zur Liebe zu der ihr anvertrauten jungen Schar. Dieſes Anvertrautſein hat ſie ſtets im tief— ſten, verantwortlichſten, religiöſen Sinn aufgefaßt. Wir, nein, wir woll— ten ſie garnicht lieb haben, es wäre uns wie Untreue, wie ein Raub an unſrer geliebten Frau Davidſon, an Fräulein Amalie, an unſerem ver⸗ ehrten Herrn Stamm erſchienen. Doch die ernſtgütige Mahnung des Scheidenden machte es uns zur Pflicht. Und daraus wuchs langſam ein Anerkennen, ein frohes Aufnehmen.— Erwartete ſie mehr von uns? Vielleicht in bedrückten Stunden. Aber ſie war ſo ganz auf Geben, weiſe verteiltes und doch reiches Geben eingeſtellt. Kein eigentlich genialer Menſch, iſt ſie bei bedeutenden Gaben ein wirkliches Gotteskind geweſen, und in einem ſolchen ſind immer ſchöpferiſche Kräfte wirkſam und fruchtbar.
Was Frl. v. Szezepanski für die Schule bedeutete oder einmal be⸗ deuten würde, darüber machten wir uns einſtweilen keine Gedanken.
Auch daß plötzlich in allen Schulſälen Tafeln hingen:„Fürs Leben, nicht für die Schule!“ hatte für uns eher etwas Befremdendes. Das war doch ſelbſtverſtändlich, das brauchte man doch nicht extra an die Wand zu hängen! Ihr war es Lebensinhalt, Bekenntnis und Gelübde zu— gleich. Stunden ſteigen vor mir auf, in denen alles Lehrhafte verſank. Stunden voll ſprudelnden Lebens, tiefgegründeten Wiſſens um den Kern der Dinge in Natur und Weltbegeben, alles wurzelnd in perſönlichem, erlebtem Chriſtentum.
Unvergeßliche Literaturſtunden, in denen ſie uns die Größten deut— ſchen Geiſtes, beſonders ihren Liebling Klopſtock(dieſen leider ein wenig allzu oft!) doch wirklich nahe zu bringen wußte. Die Tiefe und Pracht ſeiner Sprache, die Anſchaulichkeit ſeiner Naturſchilderungen, nie genug konnte ſie ſie uns einprägen.
Ich erinnere mich, ſehr heftig einmal vor ihr die Schönheit des Bildes vom„Tropfen am Eimer“ beſtritten zu haben,— ſpäter, als die ſchon von herzlichem Vertrauen und größerer Nähe durchbrochen war,— aber ſie ſchlug mich mit dem Beweis, daß die dichteriſche Stelle voll Kraft und Anſchaulichkeit der Bibel entnommen ſei. Nicht ganz überzeugt gab ich den Kampf über:„was poetiſch oder nicht poetiſch ſei“, für dies— mal auf.
Leſſings Laokoon mit ſeinen ehernen Kunſtgeſetzen, wie lebendig wurde er uns durch ſie!—
Auch in Stunden, die ſie nicht ſelbſt gab, erfuhr ich, und gewiß nicht ich allein, ihre ganz beſondere, verſtändnisvolle Hilfe. Sie ſorgte,
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