Erinnerungen an Fräulein Clara v. Szezepanski.
Von Jula Hartmann⸗Walther(Offenbach am Main).
im Herzenszimmer der Erinnerung ſtehen viele Truhen. Meiſt liegt J der Deckel nur loſe angelehnt, ein Duft, der Klang eines Wortes, ein lieber Name, macht ihn aufſpringen. Und was ſich darin findet, nimmt in demſelben Augenblick die Farbe des Lebens an, Friſche und Glanz un— vergeßlicher Stunden. Diesmal mit dem allvertrauten, nicht zu ver— kennenden Schulrüchlein vermiſcht.
Ein ernſtes Geſicht ſieht uns ſtrenggütig, dann ſchalkhaft ſpottbereit in die Augen, reiche Bewegtheit des Geiſtes in pädagogiſch leiſe ein— gegrenzter Form,— ſeltene Weite in Blick und Tat—, das Antlitz einer Perſönlichkeit.
Ich ſehe mich als Kind, eine Viſitenkarte ſchwingend, Mutter und Großvater entgegenlaufen:„Die Neue war da, unſere neue Schulvor— ſteherin mit einem ſo komiſchen Namen, und auf der Karte ſteht: Clara von Szezepanski(aufgeregtes, zungenbrechendes Buchſtabieren!) viel— geprüfte Schulvorſteherin!“
Entzücktes Gelächter der Erwachſenen, dann wurde mir die Karte vor die Naſe gehalten, und ich überzeugte mich widerſtrebend, daß die „Vielgeprüfte“ nur ganz korrekt: Geprüfte hieß.
Vielleicht hatte das Kinderherz ahnungsvoll recht. Wer am endlich erreichten Lebensziel ſelbſtändig zu wirken berufen iſt, hat viel ſicht- und unſichtbare Prüfungen hinter ſich.—
Das erſte, allererſte Gefühl der neuen Erſcheinung gegenüber war das einer leiſen, faſt feindlichen Abwehr, ſowohl in der Schule, wie in der Stadt. Die adlige Norddeutſche wirkte zu ſprach- und weſensfremd auf heſſiſche Kindergemüter. In imponierender ſchwarzer Seide, einen „Purpurſhawl“ um die Schultern, flößte ſie mir wahrhaft atem— beklemmenden Reſpekt ein. Die königlich gerade Haltung der hohen Ge— ſtalt, die über auffallend kleinem Kopf ein leiſe angeſilbertes Krönchen ſchwarzen Haares trug,— das friſchgerötete Geſicht mit der zierlichen, faſt geraden Naſe, ſcharfhelle blaue Augen hinter ſcharfem Glaſe unter dichtſchwarzen, wagerecht gezognen Brauen, der Anflug eines dunklen Bärtchens auf der Oberlippe, wie bei Margarethe von Parma,(was den Eindruck des Männlich-Selbſtſicheren noch erhöhte), und darunter— ein weicher, gütiger Mund,— das war Clara von Szezepanski.—
48


