gab, nur ein einziges Mal bei der„Geſchichte eines Waſſertropfens“, der meiner Phantaſie freie Rennbahn gegeben hatte, bekam ich ein„ſehr gut“. Außerdem hatte ich ſehr gern bei ihm die Kirchengeſchichte. Sein Unter— richt in dieſem Falle regte mich ſogar zu Privatſtudien an, mit deren Reſultaten ich mich aber in der Schule nicht heraus traute, weil ich nicht „protzen“ wollte.
Fräulein Amalie Grein wohnte für uns in einem Licht, da niemand zukommen kann. An ihr lernte ich die lutheriſche Erklärung verſtehen: Wir ſollen Gott fürchten und lieben. Bei ihr taten wir beides, bei ihrer Schweſter, Frau Davidſon, mehr das letzte.
In der Religionsſtunde von Hofprediger Grein bekam ich die erſten religiöſen Eindrücke, und zwar den, von der väterlichen Fürſorge Gottes. Sie wurde uns an einer Geſchichte des Reformators Brenz erläutert, der in ſeinem Verſteck, wohin er ſich vor Verfolgern gerettet hatte, täglich durch eine Henne, die ihm ein Ei legte, erhalten wurde. Ich kann mich heute noch in dies Gefühl von Sicherheit zurückverſetzen, das mich ſeit dieſem Erlebnis begleitete und das bei Gewittern, ſchweren Träumen, unheimlichen Geräuſchen in der Nacht linde ſeinen Mantel um mich breitete.
Eine anmutige Ergänzung zu dem gewohnten Lehrerſtamm bildeten die engliſchen und franzöſiſchen Lehrerinnen; ſie waren meiſt jung, manch— mal ſogar hübſch, erlernten bei uns die deutſche Sprache und entſchwanden nach ein bis zwei Jahren wieder in ihre Heimat. Da muß ich eine einzelne herausgreifen, Miß Robinſon, für die ich ſchwärmte und mit der ich noch bis zu meiner Verheiratung im Briefwechſel blieb. Als ſie abreiſte, meinte ich mein Herz müſſe brechen und ich und eine Leidensgefährtin weinten drei Stunden lang einträchtig an meinem alten Schreibpult, bis jede einen Tränenſee vor ſich hin geweint hatte und meine Mutter dem Schmerz etwas ungeduldig ein Ende machte. Der Erfolg dieſer Liebe war, daß ich ſehr gut engliſch lernte und auch bei Miß Robinſons Nachfolgerin, Fräu— lein Kißner, eine gute Schülerin blieb.
Eine dankbare Erinnerung bewahre ich auch dem Zeichenlehrer, Herrn Bender, bei ſeinen Schülern im Realgymnaſium als„die Babett“ bekannt. Bei ihm hatte ſogar mein Sohn noch Unterricht. Er bekam die Vorzüglich⸗ keit ſeiner Mutter von ihm manchmal aufs Butterbrot geſtrichen, was er dann halb geſchmeichelt, halb gekränkt daheim berichtete.
Trotz aller Schulfreudigkeit waren wir nicht ſo engelhaft, daß wir nicht die Ferien der Schule vorgezogen hätten, aber wenn ſie recht lang gedauert hatten, ging man wieder beinahe gern hinein. Was uns aber nicht hinderte, einmal in Jubelgeſchrei auszubrechen, als wegen Maſern vierzehn Tage geſchloſſen werden mußte. Das wurde von Fräulein Amalie wegen des traurigen Anlaſſes vorwurfsvoll gerügt, die Rüge von uns aber nur halb begriffen.
Ja, ſo war unſere alte liebe Schule. Von modernen Schulvergnügen, häufigen Ausflügen, Aufführungen, Sport, Tanz und dergleichen war ſie ziemlich unberührt. Wir waren zum Lernen da, die Vergnügungen über— ließ man dem Haus. Aber dennoch gedenken wir dankbar dieſer Jahre,
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