Aufsatz 
Hundert Jahre Elisabethenschule. Hofmannsches Institut Darmstadt. 1832 - 1932 / Hrsg. v. d. Leitung der Elisabethenschule
Entstehung
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liſtiſchen Diesſeitigkeitsbildung ſtellt, große Gefahren für die Ent— wicklung des Kindes und Jugendlichen erblicken. Sie wird zwar ohne Zweifel eine intellektuell erſtaunlich fähige, eine geiſtig außerordentlich bewegliche Jugend heranbilden können, die in der Lage iſt, ſich auf Grund ihrer eigenen Meinungen kräftig durchzuſetzen. Aber wird dies alles nicht zu teuer bezahlt werden müſſen mit der Verkümmerung wertvollſter ſeeliſcher Kräfte und wird es nicht einer im letzten Grunde materialiſtiſchen, weil ichhaften Weltanſchauung Vorſchub leiſten? In jeder einſeitigen In— tellektkultur erkennen wir eine Macht der Zerſetzung und lehnen daher die Arbeitsſchule, wenn ſie ſolchem Zwecke dient, ab.

Es iſt dem jahrelangen hingebenden Ringen und wiſſenſchaftlichen Arbeiten einer baltiſchen Pädagogin, der jetzigen Leiterin der Zinzendorf— ſchule in Neuwied, Martha von Grot, zu danken, daß der Arbeits⸗ ſchulgedanke fruchtbar gemacht wurde ſür eine chriſtliche Schulerziehung. Fräulein von Grot erkannte mit genialem Blick die in der Arbeitsſchule liegenden wertvollen erzieheriſchen Kräfte, gliederte dieſe bewußt und planmäßig ein in den Organismus einer evangeliſchen Erziehungsſchule und ſtellte ſie damit in den Dienſt chriſtlicher Charaktererziehung.

Als beherrſchender Grundſatz ſteht über dem erziehlichen Ar— beitsunterricht die Forderung: Nicht der Tyrann Stoff, ſondern das Kind ſteht im Mittelpunkt. Selbſtverſtändlich iſt uns die Bewältigung des Stoffes Verpflichtung, aber nicht die einzige und nicht die höchſte.

Es fragt ſich nun: Welche charakterlichen Anlagen und Fähigkeiten können im Unterricht geweckt und gepflegt werden?

Es iſt Erziehung zu Gehorſam und Selbſtzucht, wenn die Klaſſe, ohne beſondere Anregung von ſeiten des Lehrers, in der vor ſie hin— geſtellten Aufgabe die Aufforderung zum Arbeiten entdeckt, wenn ſie ſich beim Arbeiten bewußt und ſtreng an die im Arbeitsplan gegebene Ordnung hält und alles eigenwillige Abirren erkennt und zu vermeiden trachtet. Hier liegen auch bereits die erſten Anſätze zur Selbſtverantwortlichkeit: Iſt es doch Gewiſſensſache jeder einzelnen Schülerin, ſich ernſthaft und ehrlich mit der geſtellten Aufgabe auseinanderzuſetzen, forſchend und fragend ein— zudringen in die Schwierigkeiten und ſich ſo lange nicht zufrieden zu geben, bis ihr Klarheit geworden iſt. Es kommt alles darauf an, daß keine Scheinarbeit und keine nur mechaniſche Arbeit geleiſtet wird und daß der Grund gelegt wird zu dem, was wir als beſonderes evangeliſches Gut hochhalten: Eine perſönlich verantwortliche, gewiſſensmäßige Stel— lungnahme zu den Dingen. Da die ganze Klaſſe eine Arbeitsgemeinſchaft bildet, iſt auch jedes ihrer Glieder mitverantwortlich für den Verlauf, den Wert oder Unwert der Stunde und hat ſich hierüber Rechenſchaft zu geben. Wo Wahrhaftigkeit im Arbeiten erſtrebt wird, heißt es vor allem auch lernen, ſachlich zu ſein. Bei der Behandlung eines Textes z. B., ſei es nun ein bibliſcher oder ein weltlicher, haben ſich die Schülerinnen zu vertiefen in das geſchilderte Erleben und in die Gedanken— gänge des Verfaſſers, aber nicht ihre ſubjektiven Empfindungen und der Sache weſensfremde Gedanken hineinzutragen; ſie haben von dem da—

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