3. 1890— 1918.
Das Jahr 1890 bedeutete einen Wendepunkt in der Geſchichte der
Schule. Es brachte die Ubernahme der Schule durch Clara v. Szcze⸗ panski. Über ein Vierteljahrhundert hatte die zweite Generation der Hof⸗ mannſchen Familie mit großer Treue dem Werke vorgeſtanden. Aber es war kein Zweifel: Nach glänzendem Aufſtieg war ſeit 1886 die Schule, gemeſſen an der Schülerzahl, in einem gewiſſen Rückgang begriffen. Der Ausbau der Viktoriaſchule, die Errichtung der Kirchbaumſchen Schule hatte ſich nachteilig ausgewirkt. Dazu kam, daß 1888 Hofprediger Grein ge⸗ ſtorben war. Als ſich nun auch 1890 Pfarrer Stamm die Gelegen⸗ heit bot, die freigewordene Pfarrſtelle ſeiner Heimatgemeinde Stockſtadt zu übernehmen, da beſchloſſen die ſeitherigen Leiterinnen, die Schule zu übergeben ⁴*) und ſie glaubten, in Clara v. Szezepanski die geeignete Perſön— lichkeit gefunden zu haben. Sie hatten ſich nicht getäuſcht. Es war ja ein gewiſſes Wagnis für die damals vierzigjährige Frau, ihre oſtdeutſche Heimat zu verlaſſen und hier in Darmſtadt ihre Lebensarbeit aufzubauen. Aus altem Offiziersgeſchlechte ſtammend— 1850 in Königsberg ge⸗ boren— war ſie durch und durch Preußin. Die oft ſcheinbare Kühle und auch befehlsgewohnte Art des oſtdeutſchen Adels war auch in ihr lebendig und hat ihr zu Beginn mehr wie einmal den Weg zu den ſo anders ge— arteten Süddeutſchen verbaut. Dieſe Art ſpiegelte ſich auch in ihren ſcharf geſchnittenen Geſichtszügen wieder, aber der Kern des Weſens war gütig und wohlwollend und war durchleuchtet von einer wahrhaftigen Frömmig— keit. Ihre Stärke aber lag nicht nur in ihrem ſcharfen Verſtand, ſondern vor allem in ihrem pädagogiſchen Wollen und Können, das ſie, ehe ſie nach Darmſtadt kam, ſchon in reichem Maße erprobt hatte*⁵). Über 23 Jahre lang hat ſie die Schule innerlich und äußerlich zu formen und zu fördern geſucht. In Anbetracht der beſchränkten Mittel, die ihr zur Verfügung ſtanden, im Gegenſatz zu den reichen Aufwendungen, die Staat und Stadt den öffentlichen Schulen ermöglichten, und trotz des öfteren Wechſels der Lehrkräfte, hat ſie Weſentliches geleiſtet. Langſam und ſtetig wuchs wieder die Schülerzahl: 1900 waren es 150, 1907: 208. Auch neue Aufgaben packte ſie an*⁵⁴). Ein Seitenflügel wurde an die Schule angebaut(1900) und ſomit die Räume vermehrt. Neben der Um⸗ ſtellung des Unterrichts nach einem neuen Lehrplan gliederte ſie 1900 der Schule ein Seminar für Volksſchullehrerinnen an, die dann in Alzey,
⁴) genehmigt am 13. 10. 90 durch das Miniſterium.
4s) vergl. Bericht der Kreisſchulkom. an das Miniſterium v. 10. 10. 90(Akten Hof. Inſt. Kultusminiſt.) Cl. v. Sc. hatte 1868 das Examen f. das Lehramt an höh. Mädchenſch. in Königsberg abgelegt, war dann Erzieherin und ſpäter als Lehrerin in Greifenberg tätig. 1885 hatte ſie ihr Turnexamen in Berlin und kurz vor ihrem Kommen nach Darmſtadt in Poſen die Schulvorſteherinnenprüfung abgelegt.
Mancherlei Mitteilungen über Cl. v. Sc. verdanke ich Frau Schmitt⸗Eckert u. Frl. Chelius.
⁴9) für das folgende vergl. den von Cl. v. Sc. verfaßten gedruckten Schulbericht aus dem J. 1902.
19


