Aufsatz 
Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Großherzogl. Landwirtschaftsschule zu Groß-Umstadt am 20. und 21. September 1913
Entstehung
Einzelbild herunterladen

J P

Schichten durchdringt; dann auch in dem Umſtand, daß die dazu geeigneten Lehrkräfte fehlten, die doch erſt auf den Hochſchulen vorgebildet werden mußten. Und ſo kam es, daß dieſe Acker⸗ bauſchulen erſt um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine etwas allgemeinere Verbreitung fanden. Und eine ſolche mußten ſie finden, wenn ſie ihren Zweck in richtiger Weiſe erfüllen, wenn ſie einen deutlich erkennbaren Einfluß auf die mittleren und kleineren landwirtſchaftlichen Betriebe und deren Verhältniſſe ausüben wollten. Daß ſie ihren Zweck nicht immer erreichten, lag in ihrer Organiſation. Manche von ihnen ſind ebenſo ſchnell von der Bildfläche verſchwunden wie ſie kamen; am längſten haben ſie ſich in Württemberg gehalten, wo ſie in geänderter Form und mit geändertem Lehrplan noch jetzt beſtehen.

Anders in Norddeutſchland. Hier waren dieſe Ackerbau⸗ ſchulen meiſtens Privatunternehmungen, deren Organiſation der Oertlichkeit und dem Schülermaterial angepaßt werden mußte, und deren Exiſtenz und Gedeihen faſt ausſchließlich von der Perſönlichkeit des Inhabers abhing. Dieſer mußte vor allem ein tüchtiger Landwirt ſein, theoretiſche Kenntniſſe und einiges pädagogiſches Geſchick haben. Ob ſich das Wiſſen und Können immer in ein und derſelben Perſon vereinigte?

Die Ausbildungszeit der Schüler dauerte 2 Jahre. Der theoretiſche Unterricht erſtreckte ſich auf die Fortbildung in den Elementarfächern, etwas Landwirtſchaftslehre und Naturwiſſen⸗ ſchaft. Im praktiſchen Unterricht mußten die Schüler alle in dem landwirtſchaftlichen Betriebe des Gutes vorkommenden Ver⸗ richtungen erlernen und dauernd ausüben. Dadurch hatte der Unternehmer billige Arkeitskräfte, denn die Schüler beſorgten die Wirtſchaft. Da ſie auch bei ihm in Penſion waren, bezog er von ihnen neben dem Schulgeld noch Koſtgeld, und unter Um⸗ ſtänden erhielt er noch obendrein einen erheblichen Zuſchuß aus öffentlichen Mitteln. Durch die ſtarke Heranziehung der Zög⸗ linge im praktiſchen Beruf mußte natürlich der theoretiſche Unterricht vernachläſſigt werden. Auch waren die Schüler durch die körperliche Anſtrengung zu abgeſpannt und für den theore⸗ tiſchen Unterricht nicht friſch genug, ſodaß die Erfolge, trotzdem der Aufenthalt auf einer ſolchen praktiſch⸗theoretiſchen Acker⸗ bauſchule ziemlich koſtſpielig war, meiſt recht gering, und die Eltern der Schüler mit der Schule und ihren Leiſtungen unzu⸗ frieden waren. Man hatte jetzt vielfach erkannt, daß die prak⸗ tiſche Tätigkeit in der mit der Schule verbundenen Wirtſchaft ganz und gar nicht geeignet war, die jungen Leute in dem für ſie doch ſo notwendigen ſelbſtändigen Denken zu üben und