Aufsatz 
Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Großherzogl. Landwirtschaftsschule zu Groß-Umstadt am 20. und 21. September 1913
Entstehung
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aller anderen Berufszweige, falls ſie nicht ins Hintertreffen geraten, nicht rückſtändig bleiben wollen, auch die dazu nötigen Kräfte: phyſiſche, geiſtige und ſittliche Kräfte.

Laß Kraft mich erwerben

In Herz und in Hand!

Dieſe Körper⸗, Geiſtes⸗ und Seelenkräfte, die von Natur aus da ungleichmäßig verteilt ſind und gleichſam wie im Schlaf im jungen Einzelmenſchen zu ruhen ſcheinen, müſſen geweckt, gehegt, gepflegt und entfaltet werden, wenn ſie ſich entwickeln und zu einem harmoniſchen Gebilde zuſammenſchließen ſollen. Denn

Wo rohe Kräfte ſinnlos walten, Da kann ſich kein Gebild geſtalten.

Auch der beſte Edelſtein erſtrahlt erſt in ſeinem ſchönen Glanze, zeigt erſt ſeine ſtrahlenbrechende Kraft, wenn er ge⸗ ſchliffen und zwar richtig geſchliffen iſt. So muß denn der junge Landwirt auch den richtigen Schliff, eine gute Erziehung und eine tüchtige Schulbildung erhalten und zwar eine ſeinen Verhältniſſen und ſeiner geſellſchaftlichen Stellung entſprechende Allgemeinbildung wie Fachbildung. Erſtere kann er ſich auf der Volks⸗ oder einer höheren Schule, letztere nur auf einer Fachſchule erwerben. Will er eine über das Ziel der Volksſchule hinausgehende Allgemeinbildung und zugleich eine auf wiſſenſchaftlicher Grundlage beruhende Fachbildung ſich aneignen, ſo empfiehlt ſich für ihn am beſten eine Land⸗ wirtſchaftsſchule.

Allerdings hat es Zeiten gegeben, in denen es ohne be⸗ ſondere Schulbildung gehen mußte. Es war die Zeit der politiſchen und wirtſchaftlichen Unfreiheit des Bauernſtandes. Damals konnte die Landwirtſchaft nicht vorankommen, zu⸗ mal der Grad der Wertſchätzung, die der Bauernſtand ſeitens anderer Berufsſtände fand, auch der Höhe ſeiner Bildung entſprach.

Solange die Auffaſſung im Bauernſtand ſelbſt vorherrſchte: der angehende Landwirt müſſe roh, ungebildet und unwiſſend ſein, er bedürfe keiner eigenen Bildungsanſtalt, ſolange mit der Gutsübernahme der Sohn auch die bisher geübte Betriebs⸗ weiſe einfach miterbte, um im alten Schlendrian der Groß⸗ väterart weiter zu wirtſchaften, ſolange im konſervativ geſinnten BauernſtandNeues grundſätzlich abgelehnt wurde, ſo lange fehlten die Vorausſetzungen zum landwirtſchaftlichen Bildungs⸗ weſen, ſo lange konnte auch das Verlangen gar nach einer