Vorwort.
Die vorliegende Abhandlung will zunächst die beigegebene Karte erläutern, die in einer kleinen Skizze den Besitzstand der Landgrafschaft Hessen um das Jahr 1450(d. h. vor Erwerb des Gebietes der Grafen von Ziegenhain) angibt, während die Hauptkarte einen Ueberblick über Hessen nebst den wichtigsten Nachbarstaaten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh.(d. h. vor der durch Philipps d. Gr. Testament erfolgten Teilung) vermitteln soll. Absichtlich wurde dabei die für ähnliche Arbeiten oft ange- wendete tabellarische Form nicht gewählt, um die Sprödigkeit des Stoffes durch zusammenhängende Darstellung mildern und mög- lichst anschauliche Bilder von der Ausdehnung und Bedeutung unseres Territoriums in einzelnen wichtigen Zeitabschnitten ent- werfen zu können. Aus ähnlichen Gründen sind aber auch neben der Betrachtung vom Standpunkt der historischen Geographie alle jene Fragen(staatsrechtliche, verfassungsrechtliche, genealogische) mit in die Darstellung verwoben worden, die für die Entwicklung der Territorialhoheit in Hessen von Bedeutung geworden sind. Dabei führte nicht rückständige Vorliebe für die Kleinstaaterei der vergangenen Jahrhunderte die Feder, sondern das Bestreben, auch weiteren Kreisen, namentlich der Schule, die Ergebnisse der landesgeschichtlichen Forschung besser zugänglich zu machen. Denn wenn auch die eigentlichen Träger des geschichtlichen Lebens Gesamtstaat und Volk sind, so wurzeln wir doch alle gemäss der Entwicklung, die Deutschland einmal genommen, zu sehr in der engern Heimat, als dass wir die in ihr mächtig gewordenen po- litischen, sozialen, religiösen Kräfte ausser acht lassen könnten. Aus der Pflege des Heimatsgefühls, der Anhänglichkeit an den engeren Kreis sprosst die Liebe zum grossen deutschen Vater- land; das Wort von„den trübseligen Landesfarben“ der deutschen Einzelstaaten(O. Jaeger, Deutsche Geschichte II, 531) besteht nicht zu Recht..
In der nächsten Zeit soll die Arbeit für die Gebietsteile fortgesetzt werden, die das jetzige Grossherzogtum ausmachen. Die dafür zu entwerfenden Karten werden einen Ueberblick des Be- sitzstandes von Hessen-Darmstadt in den Jahren 1650, 1740, 1803 bieten. In ihrer Gesamtheit werden die Karten einen historischen Atlas für das Grossherzogtum bilden; auch ist ihre Vergrösserung in Aussicht genommen, um sie als Schulwandkarten verwenden zu können.
Darmstadt, im März 1911. Prof. Dr. Hattemer.
der Oberrealschule
Lehrerbib. k 8 — Giessen


