Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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Lehrers beſtimmten Werke, als gediegener Schulpädagoge gezeigt, nur das Jünglingsalter kommt im Ganzen etwas zu kurz. Es kommt dies daher, daß Spieß das Turnen, das ſeither zu einſeitig nur auf das Jünglingsalter berechnet war, erſt für Knaben jüngeren Alters und beſonders auch für die Mädchen umgeſtalten mußte. Dabei ging er dann in der Richtung ſeiner Neuſchöpfungen zu weit.

Spieß verſah ſeine Uebungen im Gehen, Stehen, Hüpfen und Drehen mit rythmiſchem Gepräge, ſo gehören ſie in das Gebiet des Tanzes im Sinne der Alten. Spieß hat durch ſeine Beſtrebungen auf dieſem Felde uns den helleniſchen Begriff des Tanzes wieder näher gebracht und einer Hineinziehung auch dieſes Gebietes in den Bereich beſonnener und padagogiſch durchdachter Erziehung durch Wort und Beiſpiel mächtig vorgearbeitet. Dieſes Hineinziehen des rythmiſchen Clementes tritt beſonders bei den Ordnungsübungen hervor. Hier entwickelte Spieß die ganze Fülle ſeiner Einbildungskraft; hier findet ſein muſikaliſches Talent, ſeine claſſiſche Bildung, ſein ächt deutſches Gemüth den reinſten und fruchtbarſten Vereinigungspunkt mit der Turnfertigkeit und der ſinnenden Ergründung aller Leibeskünſte. Es entſteht allerdings die Frage, ob die Ordnungsübungen ſtreng genommen in das Gebiet der eigent⸗ lichen Leibesübungen gehören, oder nicht; jedenfalls bleiben ſie ein wichtiges Gebiet und ſtehen mit der Gymnaſtik im engeren Sinne in unzertrennlicher Verbindung. Ihr Zweck iſt nämlich, den Einzelnen in der Einordnung zu einem Ganzen zu üben, ihn zu geregelter Theilnahme an einem aus einer beliebigen Zahl von Individuen beſtehenden Körper zu erziehen, der, in ſich gegliedert, ſich nach beſtimmten Geſetzen bewegt und umgeſtaltet. Erſetzen können die Ordnungsübungen freilich ein anderweitiges Turnen nicht, durch die Ordnungsübungen wird aber die Aufmerkſamkeit auf äußere Verhältniſſe geſchärft, wie bei keiner anderen Turnart, und dieſe Schärfung gibt in vieler Lebensbeziehung die beſte Grundlage, um den Leib zu ſeinen Verrichtungen geſchickter zu machen, ſo daß man auch dieſer Uebungsgattung mit Recht eine allgemein bildende Bedeutung zuſchreiben kann.

In den Ordnungsübungen hat Spieß den Begriff des elementaren Exercirens(ohne Waffe) ver⸗ allgemeinert und nach pädagogiſchen Rückſichten umgeſtaltet. Während aber das übende Ganze im Heerweſen ſeine für jede Uebung feſtſtehende Gliederung hat, während für Schwenkungen, Wendungen, Herſtellung der Front und Marſchordnung ſtets möglichſt wenige Grundformen aufgeſtellt ſind, hat Spieß jede mögliche Aufſtellung und Gliederung als gleichberechtigt hingeſtellt; das Ganze kann in beliebige kleinere Körper mit beliebiger Auſſtellung und Zuſammenſtellung getheilt werden. Gangart, Richtung, Tempo, gleichzeitige Thätigkeit der Glieder und des Rumpfes, Alles wird variirt, jedoch ſtets auf Bejehl und Anordnung. Der Uebende iſt unbedingt gebunden, der Leitende hat zur Schranke ſcheinbar nur die phyſiſche Möglichkeit, in Wahrheit aber die pädagogiſche Zweckmäßigkeit, für die Spieß leider keine Theorie hat, ſondern nur einzelne Winke gibt. Spieß ließ ſich aber noch mehr durch das äſthetiſche Princip leiten, das ſich zu gleicher Zeit entwickelnd und beſchränkend erwies. Dabei leiteten Spieß vorzugsweiſe das Ohr und das Tactgefühl; er iſt Meiſter in ſchöner Zeitfolge der Bewegungen, heiterem oder charakter⸗ vollem Ausdrucke der Schrittweiſen. Cs entſtand dadurch als letzte und höchſte Anwendung der Ordnungs⸗ übungen der Reigen. Mit dem Reigen, wie auch ſchon mit den einfacheren Marſchübungen, verband Spieß die Muſik, indem er dabei Lieder ſingen ließ, ſo daß die rythmiſchen und melodiſchen Abſätze des Liedes mit den Zeiten, in welchen die wechſelnden Bewegungen vor ſich gehen, in Uebereinſtimmung ſtehen. Spieß lehnt ſich in ſeinen Ordnungsübungen nicht an das Exerciren an, ſondern er will in freier Weiſe den allgemein erzieheriſchen Grund legen, aus welchem ſich jedes Ordnungsverhältniß zuſammenwirkender Menſchen, alſo auch das eines exercirenden Heeres, mit Leichtigkeit ergeben muß. Damit hängt die durch⸗ gängige Erſetzung des militäriſchen Commandos durch deutſche Befehlworte zuſammen. Obwohl bei Spieß die Gerätheübungen zurücktreten, ſo zeigt er ſich doch auch auf dieſem Gebiete erfinderiſch. Reck und Barren treten bei ihm zurück, dafür aber entſtand die Hangleiter, das Stangengerüſt und die Stemm⸗ balken, Geräthe, an denen ſich eine größere Zahl von Schülern gleichzeitig durch das Wort des Lehrers beſchäftigen läßt. In ſeinem„Turnbuch für Schulen“ hat Spieß den Uebungsſtoff nach Altersſtufen geſondert und dem Lehrer gezeigt, wie er vom Leichteren zum Schwereren fortſchreiten, mit Anſtrengung und Erholung wechſeln, Hang⸗ und Stemmübungen, Stand und Gang in mannigfachem Wechſel ver⸗ binden ſoll, um den pädagogiſchen Zweck der Turnſtunde zu erreichen..

Fa wird uns nun die Frage entgegentreten, ob denn auf den Turnunterricht mit Recht ein ſo großes Gewicht gelegt wird, und ob die Vortheile, die daſſelbe gewährt, mit den Opfern auch im