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ung befohlen, daß bei jeder Landſchule ein Platz von 1200 Geviertellen für die Leibesübungen einge⸗ räumt werden ſollte. In England, der Schweiz, Frankreich und Italien ſorgte Clias für das Turnen; er errichtete 1806 den erſten Triangel in Gröningen. Als Artileerieofficier in Interlaken ſtationirt, unternahm er mit ſeinen Truppen täglich Leibesübungen. Später erhielt er einen Ruf nach England, woſelbſt in 6 Jahren ſeine Turnart heimiſch wurde, und die wohlthätigen Folgen des Turnens, beſonders für den Seedienſt und für die Geſundheit, bald klar wurden. In Deutſchland ging es nur langſam vorwärts, und die Pflege der Leibesübungen beſchränkte ſich faſt nur auf Privatanſtalten. Guts Muths ſelbſt klagt, daß nichts in den Schulen geſchehe; nur in Bayern erſchienen 1806 und 1811 ver⸗ ſchiedene Verordnungen über das Turnweſen. Um 1804 eröffnete Carl Roux eine gymnaſtiſche Anſtalt in Erlangen. Sie war die erſte auf einer deutſchen Hochſchule. An Preußen hatte ſich Guts Muths gewandt und hatte auch beifällige Antwort erhalten, aber die traurigen Zeitumſtände ließen dies bald wieder in den Hintergrund treten. Neben Guts Muths verfolgte noch ein Mann daſſelbe Ziel und zwar mit noch größerer Gründlichkeit, wenn auch geringerem Schwunge; dies war Vieth, von dem ein Jahr nach Guts Muths Gymnaſtik eine Encyclopädie der Leibesübungen erſchien. Ein Mann und eine Spoche gaben den Leibesübungen in Deutſchland eine ganz beſtimmte Richtung: Jahn und die Epoche ſer Befreiung.
Guts Muths betrachtete noch die allgemeine körperliche Nationalerziehung zunächſt als ein Ideal menſchenfreundlicher Wünſche, während Scharnhorſt bereits 1807 damit umging, die Landwehr und die allgemeine Dienſtpflicht auf die Einführung körperlicher Uebungen in allen Stadtſchulen zu begründen. Drei Jahre ſpäter erſchien Jahn's:„Volksthum“, worin er zum erſten Male die Leibesübungen als Theil der Volkserziehung empfiehlt. Bald rief er mit dem neuen Namen der Turnkunſt auch eine neue Sache ins Leben. Im Frühjahr 1811 wurde der Turnplatz auf der Haſenheide bei Berlin eröffnet. In Berlin war der Boden beſonders gut vorbereitet, denn nirgends empfand man ſo ſehr die Schmach der Unter⸗ drückung, nirgends erſehnte man mehr den Tag der Befreiung. Dort hatte drei Jahre vorher Fichte in ſeinen begeiſternden Reden an die deutſche Nation auf die Erziehung als den alleinigen Ausgangspunkt der Rettung hingewieſen. Unter ſolchen Umſtänden gewannen die Leibesübungen eine enge Beziehung zu dem großen Gedanken der Befreiung. Dieſer Gedanke der Befreiung aber war kein anderer, als der einer völligen Wiedergeburt des großen geſammten deutſchen Volkes. Jahn betrachtete die Leibesübungen als Vorbedingung einer dringend nöthigen Wiedergeburt des Volkes. Der durch Jahn angefachte Geiſt war aber ſo gewaltig, daß er ſich aus der Turnkunſt nicht mehr bannen laſſen wollte, daß er über das Ziel hinausſtrebte, welches unter den veränderten Umſtänden allein erreichbar war, und daß übel berechnete Hemmungen ihn nur in falſche Bahnen treiben, aber nicht beſeitigen konnten. Der Patriotismus ſelbſt wurde zur Partei. Dies unſelige Verhältniß erhielt Dauer durch die Dauer der ungenügenden Verfaſſung des deutſchen Geſammtvaterlandes. Einmal in die falſche Bahn gedrängt, verband ſich das Streben der Turnerei vielfach mit anderen Strömungen der Zeit. Mit Jahn verſchwand die Anknüpfung an die helle⸗ niſche Gymnaſtik; er erinnert ſich zwar dankbar ſeiner Vorarbeiter Guts Muths und Vieth, um die Griechen aber bekümmert er ſich gar nicht. Er knüpft an die Leibesübungen unſerer deutſchen Vorfahren an. Daher ſtammt auch das mit Turnier und tourner zuſammenhängende Wort:„turnen“. Erfindung von Uebungen und Bezeichnungen dafür gingen bei ihm Hand in Hand. Er ſchuf zwei neue Geräthe, die für das deutſche Turnen von entſcheidender Bedeutung geworden ſind: Reck und Barren. Beide Geräthe ſind mit dem jetzigen deutſchen Turnen innig verwachſen, haben aber mit dem Turnen der Alten gar keinen Zuſammenhang. Sie wurden die bevorzugten Geräthe, bei kleiner Einrichtung oft die einzigen. Das Turnen ſelbſt wurde, beſonders in den Turnvereinen, ſeit Jahn mehr und mehr Gerätheturnen. Dies hat auch ſeine Berechtigung, da in unſerem modernen Leben der Körper verhältnißmäßig weit öfter in ungewöhnliche Stützungs⸗ und Gleichgewichtslagen verſetzt wird. Stellte aber auch die neue Turnkunſt eine Reihe neuer Stützungsarten als Ausgangsformen für ganze Geſchlechter von Uebungen auf, ſo blieb doch das eigentliche Princip der vergeiſtigenden und veredelnden Durchbildung des Leibes unverändert. Hier ſind nun gerade die einfachſten Grundgeräthe, Reck und Barren, am Platze. Allerdings ſind an dieſen Geräthen, weil ſie die beliebteſten und allgemeinſten blieben, die complicirteſten und zum Theil zweckwidrigſten Uebungen entſtanden. Beſonders die Turnvereine ſtrebten vielfach nach Künſtelei und nach immer neuen, ſchwierigeren Schauſtücken; dies war aber nicht Jahns Abſicht, dem Ringen und Springen,


