und ſie nicht blos aus der Lectüre kennen lernten. Wahrſcheinlich gingen ſeit der Anregung durch die Humaniſten ſolche Verſuche niemals völlig aus; ſie floſſen aber, beſonders an höheren Lehranſtalten, mit den einmal hergebrachten Uebungen des Adels in einander. Während im Mittelalter die ritterliche und ſcholaſtiſche Erziehung ſtreng geſchieden waren, ſo daß Letztere keinerlei Leibesübung betrieb, brachte die Reformwation eine neue mittlere Erziehungsart auf, die auf Harmonie der Bildung ausging. Dabei hielt man ſich aber anfangs ganz von der alten ritterlichen Gymnaſtik fern; Reiten und Jagen wird oft be⸗ kämpft, ebenſo das Schwimmen. Man ſuchte nach mäßigen, gefahrloſen und ſyſtematiſch bildenden Uebungen, deren Veranſtaltung nicht viel koſtete. Als im 17. J hrhundert in Deutſchland der franzöſi⸗ ſche Einfluß zunahm, floſſen dieſe Uebungen mit den fremdartigſten Elementen zuſammen. Trotz des Rückganges im 17. Jahrh. waren aber für die neue Belebung der Gymnaſtik von Vortheil: die Philologie, Philoſophie, Pädagogik und Medicin. Die Philologie konnte die Gymnaſtik, die eines der wichtigſten Lebenselemente des Alterthumes war, nicht außer Acht laſſen; entſcheidend wurde endlich die Neubelebung des Studiums der alten Kunſt, die bei den Griechen in ſo nahem Zuſammenhange mit der Gymnaſtik ſtand. Weniger von Bedeutung war die Philoſophie, die zwar die Leibesübungen empfiehlt, aber faſt nur mit Rückſicht auf Einzelerziehung unter bevorzugten Verhältniſſen, ohne durchgreifende Rückſicht auf das helleniſche Vorbild und ohne die nationalen Geſichtspunkte, die Guts Muths direct aus dem Studium der Alten gewann. Dagegen lag der deutſchen Reform⸗Pädagogik die Herſtellung geſunden Jugendlebens durch Spiel und Anſtrengung am Herzen, und Einzelne ſetzten die Leibesübungen ſchon practiſch ins Werk. Dieſe Uebungen waren, abgeſehen von Reiten, Tanzen u. ſ. w.: Laufen, Springen, Klettern, Balanciren, Ringen und Tragen. Fünf von dieſen Uebungen, wahrſcheinlich fehlte das Ringen, wurden von Salzmann in Deſſau betrieben; dies war der unſcheinbare, aber fruchtbare Keim, aus dem ſich durch Guts Muths die modernen Leibesübungen entwickelten. Als Guts Muths 1785 nach Schnepfenthal kam, wo damals Salzmann wirkte, zeigte ihm dieſer einen hübſchen Platz mit den Worten: „Hier iſt unſere Gymnaſtik.“ Von hier aus entwickelte ſich allmählig die deutſche Gymnaſtik. Zuerſt wurden die in Deſſau eingeführten fünf Uebungen in ihren erſten ungeregelten Anfängen betrieben. Guts Muths erhielt bald die Leitung dieſer Uebungen und fügte viel Neues hinzu, theils aus geſchichtlichen Reſten des früheren und ſpäteren Alterthumes, theils durch Nachſinnen, bisweilen auch durch Zufall. Nach ſieben Jahren erſchien die erſte Ausgabe von Guts Muths Gymnaſtik. In der Gymnaſttk, wie ſie ſich unter Guts Muths gebildet, tritt uns als der leitende Gedanke des Ganzen das Princip vollendeter Men⸗ ſchenbildung entgegen. Hand in Hand mit der Würdigung der äſthetiſchen Seite der Leibesübungen geht bei Guts Muths die Erkenntniß ihrer geiſtigen Seite. Hier theilt er die Anſicht jener Zeit, daß Geſund⸗ heit und Heiterkeit des Geiſtes von der guten Beſchaffenheit des Körpers bedingt ſei, daß Energie und Thatkraft zu ihrer vollen Entfaltung auch eines kräftig entwickelten Muskellebens bedürfen, daß Verweich⸗ lichung des Körpers dagegen auch nothwendig den Geiſt erſchlaffe. Sein Ideal drückt eine Stelle aus Plato aus:„Es gibt nur eine Rettung in Beziehung auf beide: weder die Seele ohne den Körper zu bewegen, noch den Körper ohne die Seele, damit ſie, indem ſie ſich wehren, zu Gleichgewicht und Ge⸗ ſundheit gelangen.“—
Vor Allem aber erfaßte Guts Muths die Idee der nationalen Bedeutung der Leibesübungen. Er will eine zur Nationalſitte gewordene gymnaſtiſche Erziehung der Jugend, und auch hier lehnt er ſich an die Griechen an. Der Kreis der Uebungen, die Guts Muths beſchreibt und empfiehlt, iſt ein ſehr großer. Außer den allgemeinen Uebungen, wie Laufen, Gehen, Springen, Heben, Tragen, Klimmen, Balanciren hat er auch Fechten, Exerciren, Baden nnd Schwimmen aufgenommen. Unter Tanz behandelt er nur turneriſche Uebungen, Sprünge mit dem Reife, dem Seile u. ſ. f., keine Ge⸗ ſellſchafts⸗ und Schauübungen. Reck und Barren kannte Guts Muths noch nicht. Guts Muths hat nicht nur mit begeiſternder Beredtſamkeit der Sache der Leibesübungen einen gewaltigen Anſtoß gegeben, ſondern auch durch Fortbildung der Deſſauer Uebungen zu der nachmaligen Entfaltung des Geräthe⸗ turnens den erſten Grund gelegt. Die Anregung, die er gab, verbreitete ſich durch ganz Europa, beſon⸗ ders aber nach dem Norden, zunächſt nach Dänemark, dann nach Schweden. In Dänemark wurde die Sache als Volksſache betrachtet. 1803 beſtanden in Dänemark ſchon 14 gymnaſtiſche Anſtalten, und hatten in den letzten 4—5 Jahren ungefähr 3000 junge Menſchen Theil an den Uebungen genommen. Aus den Seminarien ging die Sache in die Landſchulen, und nach öffentlichen Blättern hatte die Regier⸗


