Aufsatz 
Ein Beitrag zur Förderung des Turnunterrichtes an der Großherzogl. Realschule, den Stadtschulen und Privatschulen zu Alzey
Entstehung
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kam theils von der völligen Veränderung der Geiſtesrichtung, theils dadurch, daß ſeither unterdrückte Theile der Bevölkerung emporkamen, welche die Gymnaſtik als eine Kunſt vornehmer Müßiggänger haßten. Die Leibesübungen waren ja bei den Alten ſo ausgeartet, daß der Leib nicht mehr als Ausdruck der perſönlichen Würde des Mannes gebildet und dem Geiſte ganz zu eigen gemacht, ſondern als Erſcheinung für ſich gepflegt und zu mannigfachen Künſten geübt wurde. Von nun an ſind es die germaniſchen Völker, die für die gymnaſtiſchen Beſtrebungen in den Vordergrund treten.

Tacitus führt nur den Schwerttanz als gymnaſtiſches Schauſpiel der Germanen an; es iſt aber wahrſcheinlich, daß auch das Steinſtoßen, Springen, Ringen und Schwimmen, wie wir es bei den Schweizern in früher Zeit wieder finden, uralte Volksübungen ſind, die ſich in den entfernteren Gebirgsgegenden erhielten, während ſie bei den Rittern verſchwanden, da dieſe vor Allem nur Reitkünſte und Waffenübungen zu Pferde betrieben. In den Nibelungen finden wir bei dem Wettkampfe zwiſchen Brunhild und Gunther, daß dieſer Kampf in Sprung, Steinwurf und Lanzenwurf beſtand; ebenſo wird ein Wettlauf zwiſchen Hagen und Sigfried erwähnt. Auch das Ringen erſcheint als eine durch Uebung ausgebildete Kunſt. Wir finden alſo hier ziemlich dieſelben Uebungen, wie bei den Hellenen. Weniger genau wiſſen wir, wie alt die Ringübungen ſind, welche in der Schweiz unter dem Namen des Schwingens ſich noch bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Ohne Zweifel können wir annehmen, daß die alten Deutſchen das Pferd zu mancherlei Uebungen gebrauchten; ſie zeichneten ſich ſchon zu Zeiten Cäſars als kühne Reiter aus und waren beſonders gewandt in der Kunſt raſch vom Pferde und wieder hinauf zu ſpringen. Teutoboch, der König der Teutonen, ſoll über 4—6 Pferde hin⸗ weg geſprungen ſein, wonach jedenfalls ſolche Springübungen betrieben wurden. Dieſe Uebungen be⸗ ſtanden auch noch in der Blüthe der Ritterzeit, treten aber zurück gegen die Uebungen im Reiten und Lanzenſtechen, welche für die Turniere und den Zweikampf vor Allem wichtig waren. Als durch die Feuerwaffen die Ritter vom Felde verdrängt wurden, fand bei ihnen bald franzöſiſche Sitte Eingang; ſie fochten mit leichten Stoßdegen und betrachteten den Tanz als den Gipfel vornehmer Bildung. Doch war es immerhin noch ein Vorzug des Adels, daß er die leibliche Erziehung nie ganz vernachläſſigte, ſondern durch Jagen, Reiten, Fechten und Tanzen den Körper entwickelte und ſtärkte.

In den Städten kamen mehr die Erfindungen ſpäterer Zeiten zur Geltung, mit Ausnahme des Ballſpiels in italieniſchen und franzöſiſchen Städten, das bis zu den Hellenen zurückreicht und im ſpäteren Mittelalter auch in Deutſchland verbreitet war. Nach der Erfindung des Schießpulvers entſtanden in den Städten die Schützenfeſte, die mit gymnaſtiſchen Volksbeluſtigungen mancher Art verbunden waren. In den Niederlanden blieb daneben das Armbruſtſchießen beſtehen. Im Ganzen haben die Volksfeſte, die mit gymnaſtiſchen Uebungen verbunden waren, in den neueren Jahrhunderten immer mehr abge⸗ nommen. Dies iſt zu bedauern, wenn auch dieſe Feſte oft viel Rohheit zeigten, und die damit verbun⸗ denen Uebungen, wie Maſtklettern, Sacklaufen, kunſtloſes Ringen wenig Trieb nach edler Leibesübung zeigten; vielleicht wäre es aber möglich geweſen, dieſelben allmählig zu veredlen.

Betrachten wir nun die Entwicklung unſeres modernen Turnweſens, ſo treten uns folgende Punkte als für ſeine Eigenthümlichkeit entſcheidende entgegen:

1) Das Turnen ſchließt ſich eng an die Erziehung an.

2) Es ſtrebt mehr und mehr Gemeingut Aller zu werden.

3) Es trachtet nach ſyſtematiſcher Begründung und kunſtmäßiger Vollendung.

Dadurch ſtellt ſich die moderne Gymnaſtik unmittelbar der helleniſchen zur Seite. Der Begründer dieſer modernen europäiſchen Gymnaſtik iſt Guts Muthsv; er hat den großen Gedanken einer allge⸗ meinen phyſiſchen Nationalerziehung mit zündender Gluth erfaßt, ohne die Schwierigkeiten derſelben zu verkennen. Wie das neue Princip der Leibesübungen aufkam, iſt noch nicht völlig klar, jedenfalls aber ſind von großer Bedeutung dafür die Humaniſten und die Philanthropine. Demnach iſt es kein Zufall, daß das Princip der modernen Gymnaſtik mit dem der antiken übereinſtimmt; mit dem ganzen Alterthume zogen die Humaniſten indirect auch die Gymnaſtik wieder hervor. Zugleich paßte dieſe Gymnaſtik ziemlich zu ihren ſonſtigen Wünſchen und Idealen, wenn auch die Praxis als gar zu fremd⸗ artig noch in den Hintergrund trat. Vor Allem ſind hier die italieniſchen Humaniſten zu nennen. Auch die deutſchen Humaniſten bemühten ſich ſehr; ſie erkannten das Weſen der antiken Gymnaſtik genau, und es zeigt ſich, daß Einzelne jedenfalls auch practiſche Verſuche in der Gymnaſtik der Alten gemacht hatten