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Krankheit und Tod herantreten. Wir wissen ja, daß der Mensch niederer Kulturstufe den normalen Verlauf der Vor-— gänge im Körper nicht kennt, also kann er auch nichts von ihren Störungen wissen. Infolgedessen ist es ihm selbstredend ganz unmöglich, sich vorzustellen, dab ein Leiden sich all- mählich im Körper ausbildet und auswächst. Wenn also im Inneren des Naturmenschen selbst die Krankheiten nicht ent- stehen, so können sie nach ihm nur von aubsen in ihn herein— kommen. Wieso kommen aber von außben her Leiden in ihn herein? Dafür hat der Primitive drei Erklärungen. Entweder straft ihn ein Gott durch ein gesandtes Leiden, oder ein be— sonderer Krankheit bringender Geist ist in ihn gefahren, oder ein zauberkundiger Bösewicht hat ihm ein Leides getan. Es ist Sache der Priesterärzte, der Schamanen, der Fetisch- und Medizinmänner, der Zauberfrauen, zunächst festzustellen, aus welcher Ursache das Leiden stammt. Ist es dem Zorn eines Gottes oder Geistes zuzuschreiben, der beleidigt ist, weil der Patient etwa ein Opfer, ein religiöses Ge- oder Verbot un— beachtet gelassen hat, so ist der Beleidigte mit Zeremonien und Darbietungen zu versöhnen, worauf die Krankheit aufhört; ist ein boshafter Dämon, ein eigentlicher Krankheitsgeist, in den Kranken eingefahren, so muß der ihn behandelnde Doktor ent- weder den schlimmen Gast durch Toben und Lärmen zu er— schrecken und zur Flucht zu zwingen suchen, oder er saugt oder knetet ihn aus dem Leib des Kranken heraus. Ist der Leidende aber durch menschliche Bosheit behext, so ist der Schadenstifter„auszuriechen“ und zur Strafe zu zichen.
In solchen Gedankenkreisen verläuft das Denken der pri- mitiven Völker über Entstehung und Heilung von Krankheiten. Wie solche Vorstellungen in der Praxis des primitiven Lebens sich ausnehmen und wirken, mag an einigen Beispielen erläutert werden. Ober die hierhergehörigen Begriffe der Naturvölker ist bei Bastian, Der Mensch in der Geschichte, Bd. II, S. 116 ff., ausführlich gehandelt; aus seiner Sammlung von Beispielen ent- nehme ich folgendes: Vosmeers sah bei den Orang Badjos in Celebes, wie ein Kind, das beim Spiel unter einem alten Baum erkrankt war, von seinen Eltern und Verwandten dorthin zurück- geführt wurde, wo sie es wild umtanzten, um den eingefahrenen


