primitiver Phantasie zu tun haben. An Mitteln dazu fehlt es nicht, wie es aber die körperliche Materie anstellen soll, um unsichtbar zu werden, das kümmert den Naturmenschen nicht im geringsten. Diese Mittel sind zumeist gar nicht so schwer zu erlangende Dinge, z. B. der Farnkrautsame, oder das Himmelfahrtsblümchen, das in der Schweiz unsichtbar macht. In Böhmen verwendet man dazu Schlangenfett oder trägt einen Eidechsenkopf bei sich. Weitverbreitet ist der Glaube an die unsichtbarmachende Kraft des sog. Blendsteins, der im Neste des Zeisigs zu finden sein soll. Aus dem Raben— neste ist zu gleichem Zwecke der Rabenstein zu holen, den der Vogel aus dem Meere herbeiträgt. Der Besitzer des Raben-— steines kann sich nicht nur unsichtbar machen, sondern versteht
auch die Vogelsprachen.— Die Tiroler glauben, das Auge der Fledermaus verleihe die Kraft, seinen Besitzer den Augen der Mitmenschen zu entziehen.— Unheimlich ist der Glaube der
Böhmen, daß man zu diesem Zweck ein Menschenherz ver-— zehren müsse. Nicht weniger scheußlich ist der auch in Ost-— preußen bekannte slawische Volksglaube, dab eine mit dem Fette eines Ermordeten gespeiste Lampe unsichtbar mache. Zu welchen Schritten ein von solchem Wahn betörter Mensch ge- trieben werden kann, zeigt die gräßliche Geschichte, die Krauß in seinem Buche„Volksglauben der Südslawen“, S. 144, der Abendausgabe des N. Wiener Tagblattes vom 9. Januar 1889 nacherzählt: Vor dem Kreisgerichte in Belgorod im Gouverne- ment Kursk(Südrußland) standen die Bauernburschen Brüder Jefim, 22, und Dimitrij Semljanin, 20, und deren Cousin Feo- dosij Tolmèéev, 19 Jahre alt, des Verbrechens beschuldigt, ein elfjähriges Mädchen erwürgt und zerstückelt und aus ihrem Fette Kerzen fabriziert zu haben, in der Überzeugung, daß derlei von Menschentalg fabrizierte Kerzen denjenigen, der sie in der Hand hält, unsichtbar machen, und daß sie daher mit Hülfe solcher Kerzen ungestört stehlen und rauben können werden. Alle Angeklagten bekannten sich schuldig und der älteste derselben, Jefim Semljanin, gab folgende charakteristische Schilderung des von ihm und seinen beiden obengenannten Brüdern begangenen scheußlichen Verbrechens: Ich hörte ein- mal von der übernatürlichen Wirkung der aus Menschentalg


