23
abgefallen war, diente und an der gotiſchen Sache feſthielt. Nur Gotenherrſcher ſcheinen Italien eine milde Verwaltung, aequitas und civilitas ¹), zu gewährleiſten. Seit den Erinnerungen an Ricimers Tyrannei und Odoakers Herrſchaft war Italien, gegenüber den drohenden Burgunden, Vandalen und Franken, ohne eine germaniſche Kriegerkaſte nicht zu denken, ſowenig wie vom 9. bis 13. Jahrh. nach Chr.; denn byzantiniſche Exploitation ſtand im übelſten Geruch.
So dürfen wir wohl die Herausgabe der Varien als den letzten Dienſt bezeichnen, den Senator dem öffentlichen Weſen ſchon im Zuſammenſinken leiſtete, aber in einem Augenblick, wo man wieder hoffen durfte. Mit frohem Mut preiſt er in dem letzten Erlaſſe den zwiefachen Sieg über die burgundiſch⸗ alemanniſchen Plünderer und über die Hungersnot bei den Ligurern: vermutlich während jenes 3monat⸗ lichen Waffenſtillſtandes vor Rom ²), der den gotiſchen Waffen Luft gab. Denn der hohe Ton der Zu⸗ verſicht auf Vitiges wäre Lüge, wenn die Belagerung von Rom ſchon aufgehoben geweſen wäre.
Vielleicht enthalten die Varien eine Erklärung über den raſchen Zuſammenbruch der gotiſchen Herrſchaft; denn daß nur eine herrliche Heldenperſönlichkeit allein hernach Byzanz aufgehalten hat, das ſtrahlt auch überall durch des Gegners, des Prokop, Darſtellung von Totilas ³) Thaten hindurch. Die für die Aufgabe geringe Zahl der Goten iſt zugeſtanden; wir wiſſen aus Prokop I, 15, daß von Süden her erſt in Samnium Goten angeſiedelt waren. Aber bis jetzt nehmen ſämtliche Forſcher(beſonders Manſo, Dahn, Köpke, Kaufmann) die von Prokop 1, 16. 1, 24, auf 150 000 angegebene Zahl der Belagerer Roms als einen tauglichen Ausgangspunkt der Berechnung an ¹). Will man ihm auch die 30 000 Ge⸗ fallenen glauben, die er nach Art Gullivers an einem Tage vor Rom fallen und dabei noch mehr ver⸗ wundet werden läßt(I, 23), und das von ein paar tauſend Byzantinern?(Nach I, 22 nur 5000!) Man beurteile ſolche Zahlen doch nach den 500 000 Franken, Prok. II, 28. Nähme man gar die 200 000 Goten aus Prok. III, 21 in Anſatz, ſo ergäbe das ohne Sklaven eine Bevölkerung von 1 Million Seelen, welche in dem allein beſiedelten Drittel Italiens die ungeheuerlichſte Verſchiebung des Grundbeſitzes zur Folge gehabt und auf den von Odoakers Kriegern beſetzten Tertien nicht Raum gefunden hätte; wiewohl Ennod. mit Recht ſagt, Theoderich habe Italien Bauern gegeben, und in vita Epifani: vides universa Italiae loca originariis viduata cultoribus. Auch ſehen wir bei den ſonſtigen Kämpfen immer nur geringfügige Streiterzahlen genannt, 2000 bis 3000 Mann Nachſchub bedingen mehrmals eine Macht⸗ änderung. Es hat keinen Wert, da die Varien nirgends Zahlen bieten, eine Vermutung über die wirk⸗ liche Zahl(1?2) zu äußern. Wenigſtens erzählt Jordanes Kap. 58, daß eine der größten Unterneh⸗ mungen im ſirmiſchen Krieg mit 2500 Kriegern ausgeführt wurde, womit man ernſter rechnen darf als mit den bald folgenden von Ibbas erſchlagenen 30 000 Franken.
Verhängnisvoller als die nicht allzuſtarke Zahl der Goten war nach den Varien die Unmöglichkeit, einen zuverläſſigen Beamtenſtand zu bilden. Wenige römiſche Familien) haben ähnliche Hin⸗
¹) Dieſe Grundidee der Regierung Theoderichs weiſt Dahn überall nach; in den Var. iſt ſie ſtetes Motiv.
²) d. h. nach dem Aquinoktium 538. Prok. II, 10. Vgl. Manſo S. 431; Dahn II, 218, die aber beide offenbar wegen der unten zu berückſichtigenden inneren Schwierigkeiten dieſe Varie nicht zum Ausgangspunkt chrono⸗ logiſcher Beſtimmung machen..
³) Daher iſt Dahn, der Dichter des„Kampf um Rom“, darin den beſten Ergebniſſen ſeiner„Könige“ gefolgt. Totila hieß auch Badvila, wie beſonders deutlich auf ſeinen Goldmünzen zu leſen iſt. Herr Prof. Martin(Straßburg) hat deren eine im Seſſenheimer Friederikenhügel gefunden(Baduila rex»). Clinton erwähnt auch Baduila upon coins, allein Clinton irrt mit ſeiner Angabe: Jordanes makes them distinct persons(fasti Rom. vol. I, p. 718), da er Totila cum Baduila las, ſtatt qui(Mommſen).(Fraglicher iſt, ob man als Vater an den Gotengrafen Duda[reſp. den Sajo] denken darf, der unter Theoderich in beſonders hohem Anſehen ſtand.) Die Zweiheit der Namen von ver⸗ ſchiedenem Stamme für die gleiche Perſon zeige ein draſtiſches Beiſpiel: Die Theodigodo, welche Theoderich dem zweiten Alarich gab, nennt Anon. Valeſ.§ 63 Areuagni, und ſo ſtark war der griechiſche Nebenname zum gotiſchen getreten, daß er ihn verdrängte(Ariagne bei Jord. Romana§§ 339. 349. 354).
**) Konſequent läßt Prokop den Totila von 200 000 gotiſchen Kriegern im ganzen reden(de bello Goth. III, 21).
⁵) Über die hervorragendſten ſ. u.


