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deren er ſich an vielen Stellen bewußt iſt, ſtellt ſich dann als ebenſo bewußtes Kunſtmittel geſuchte Prägnanz entgegen, wie wir beides in der Litteratur ſo oft ſich paaren ſehen. Den Wert der simplicitas kennt ja theoretiſch auch Ennodius ep. 2, 17. Darin hat Senator eine gewiſſe Vielſeitigkeit: wie friſche Luft weht einen der kühne und freie Ton an, in dem Wittich zum erſtenmal zu den Goten ſpricht¹); und durch einfache Beſcheidenheit rührend iſt die Varie, wo er den Papſt ⸗sum quidem judex Palatinus» anredet (XI, 2), wie wenn er den Hauptmann von Kapernaum nachahme. Aber auch der tragiſche Stil ſteht ihm durchaus zu Gebote, wo er 12, 25 die Senatoren den Juſtinian anflehen läßt, ſie nicht durch ſeine Hilfe gerade— zu verderben. Doch alle dieſe zum Teil gegenſätzlichen Beobachtungen erſtrebter Wahrheit können den Grundcharakter der Geziertheit ſeiner Sprache nicht aufheben, die wir mit dem aus der Litteratur⸗ geſchichte Englands bekannten Namen des Euphuismus bezeichnen dürfen ²).
Die Pflege der Etymologie, ehe ſie Gegenſtand der methodiſchen Forſchung wird, iſt ein Spiel des Witzes. Aber der ernſte Senator zeigt auch ſonſt Spuren froher Laune. Er, ein Grundpfeiler des Mönch⸗ tums im Abendlande, glänzt im Kloſter durch harmloſe Heiterkeit.„Statt der bloßen Kaſteiung wird eine ruhige Stimmung, ja eine Leichtigkeit in der Erfüllung der übernommenen Pflichten gefordert“ ³). Schon die Varien zeigen dieſe frohe Stimmung, den Gegenſatz bitterer acedia, überall. Von den Frauen urteilt er aber ungünſtig 2, 11; noch mehr 5, 32; aber auch in de amicitia. Von Zugſchiffen ſagt er witzig qui manibus ambulatis 2, 31; ſcherzend ſpricht er 9, 61 von lavacri siccitas und meint die Luftkur; ein auf die vulkaniſchen Liparien Verbannter ſoll im Feuer leben wie ein Salamander 3, 47. Das Podagra nennt er 10, 29 eine passio insanabilis und sanitas passibilis. Eine Paronomaſie wagt er 8, 10 rimator und remunerator(cf. fur fora 12, 5). Iſtrien nennt er 12, 22 Ravennae Campania. Mit ſchärferem Witz geißelt er einen Geiſtlichen, der Gräber ſpoliierte, und der vielmehr den Lebendigen für ihre Geiſtesruhe ſorgen ſolle 4, 18. Bitterer Humor(= Philoktet, Teubn. Vers 284) liegt in 4,7 (von Schiffbrüchigen nec quidquam miseris de aquarum nimietate nisi solas lacrymas restitisse). Und mit vielem Behagen, über das dienſtlich Notwendige hinausgehend, ſchildert er die Köſtlichkeit der königlichen Tafel, ſo daß er den Wein uvarum frigidus sanguis, purpura potabilis, cruentus liquor nennt 12, 4, woraus ſich ja ein ganz artiges Trinklied formieren ließe. So verherrlicht er 3, 48 den echinus esculentus als mella carnalia, costatilis teneritudo ⁴), croceae deliciae. Für gute Milch ſchwärmt er ebenſo beredſam 11,10. Und man könnte ihn überhaupt in Verdacht nehmen, etwas Feinſchmecker geweſen zu ſein, wenn nicht ſeine ganze ernſte Geiſtesart dem widerſpräche, und ſeine Außerung, daß omnis actus in qualitate propositi est(9, 3) den philoſophiſchen Schüler der Stoa bezeichnete 5).
Ein verborum novellus sator 2,3, wenn auch entfernt nicht in dem Maße wie ſein Geiſtesver⸗ wandter Apollinaris Sidonius, bietet er auch einige neugebildete oder faſt ungebrauchte Wörter, ſo patrioticus 12, 5. 12. 15. 11, 1, modernus 4, 51, costatilis, 3, 48, annuositas. In manchen Büchern
wohlklingende Sprache der Amalaſuntha mit Verſtändnis rühmt(XI, 1): nativi sermonis ubertate gloriatur(und in actu publico sic tacita est ut credatur otiosa; damit man die ubertas nicht falſch verſtehe!).
¹) Eine Einwirkung des betr. Regenten kann man nicht annehmen. Wer wollte wegen des ſchneidigen Volks⸗ aufrufs den Vitiges in Anſpruch nehmen, den Jord. cp. 60 armiger Theoderichs nennt? Vielleicht(Alter?) iſt er der spatarius Unigis, den Troß zu 2, 20 nicht erörtert, aber 3, 43 richtig in Uuitigis verbeſſert. Senator ehrt ſpäter bekannte Perſönlichkeiten gerne durch Aufbewahrung früherer Funktionen.
²) Den Kalk z. B. weiß er 7, 17 auf 3 Arten zu umſchreiben, ähnliche„Trilologien“ ſ. oben ſogleich.
³) W. Gaß, Geſchichte der ſihriſtl. Ethik, Berlin 1881, S. 148, wo auch auf die feinen Bemerkungen von A. Ebert, Geſch. der chriſtl.⸗latein. Litteratur, hingewieſen wird. Über aaia, Gaß S. 141.
4) Man beachte wieder die charakteriſtiſche contradictio in adjecto.
⁵¹) Am wenigſten trifft man dieſe Seite des Stoicismus bei Mc. Aurel, wohl aber beim Epiktet(die öpeses der Stoiker). Philoſophiſche Gewohnheit verrät 11, 17, wo ihm die sapientes Püigei der Einheit unſeres Geſchlechtes ſind— und das am Weihnachtstage!


