mit einem gewiſſen Raumaufwand häufen. Es iſt aber nicht zu überſehen, daß der hohe Stil, wie der poetiſche, die gemeine Deutlichkeit der Dinge verſchmäht, wenn z. B. Amalaſuntha ihren neuen Mit⸗ regenten in dem betr. Schreiben an Juſtinian nicht nennt, nur umſchreibt. 10, 1. Auch empfindet Senator nur in ſeltenen Fällen das Bedürfnis eines Briefſchluſſes; man hat manchmal die Em⸗ pfindung, als ſolle noch weiteres folgen. Wo er freilich zu geiſtig Ebenbürtigen redet, 11, 3 Giſchöfe), 9, 25(Senat), läßt er es auch darin an ſich nicht fehlen. Wie ganz anders Ennodius, der den terminus epistolae nicht nur thatſächlich hoch in Ehren hält, ihn nicht überſchreiten will, ſondern ihn auch durch eine oft ſchön in den Anfang zurückbiegende Wendung ſchmückt¹). Noch höher ſteht darin freilich Apollinaris Sidonius ²)(1, 1. 2. 10. 2, 1. 3, 10. 4, 2. 8, 9. 9, 14), ein weiteres Mittelglied in jener Reihe berühmter Briefſteller, welche Plinius eröffnet.
Und doch ſind die gegenteiligen Beobachtungen ungleich häufiger, wonach der Rhetor Senator den Staatsmann verſchlungen hat. So, wenn er in einem Erlaſſe den Theoderich von viles pecuniae reden läßt, Var. 3, 31; wenn er, einem alten Krieger, der(während der Kämpfe mit Odoaker?) Ticinum ver⸗ teidigt hat, Badeurlaub gewährend, die Floskel wagt, das Podagra verteidige ſeinen Inſitz wie der Barbar(Gote) ſein hospitium, 10, 29, oder bei Erteilung einer Indulgenz von der Grauſamkeit der Kerkermeiſter mit einer Erbitterung ſpricht, die jedem Straßenräuber wohlanſtehen würde und gewiß von jeder Erinnerung an Plato, Phädon Kap. 65(6 àοo« 5 ³„ o«!) verlaſſen iſt; oder einmal Dieben, wenn ſie ſich melden, Belohnung verſpricht, 2, 36. Es läßt ſich auch nicht verkennen, daß einige rhetoriſche Stoffe, der Sentimentalität ſchmeichelnd, welche die Ergänzung jeder hohen intellektuellen Kultur bildet und jener Zeit daher eigentümlich war, in den Varien ſich finden, zu denen vielleicht mehr ein unbeſtimmter Erinnerungsanlaß als ein Aktenſtück die Grundlage bildete. So hat man 2, 19 in der gegenwärtigen Form zu beurteilen(Sklaven haben ihren Herrn getötet— wo, iſt nicht geſagt, obwohl ſie verfolgt werden ſollen ³); ſo 2, 14, wo Romulus ſeinen Vater mißhandelt hat; 3, 46(Raub eines Mädchens; 8, 32(Pferderäuber ⁴). Stoffe gleicher Art finden ſich überall reichlich bei Ennodius und Sidonius, und wir wiſſen, wie die Rhetorenſchulen gerade ſolche Stoffe ſeit der Sophiſten Zeiten pflegten²). Wo Salvianus, der große Bußprediger des 5. saec. in Gallien, die ſchlimmſten Sünden zeichnet, findet er z. B. echt rhetoriſch eine Steigerung darin, daß auch Arme und Alte ſie begehen(lib. VII, 5), und ſein ganzes Buch iſt ſo vollendete Rhetorik, daß es Nitzſch mit noch größerer Zurückhaltung hätte ver⸗ wenden dürfen.
Der geſchichtliche Stoff der Varien wird häufig von Exkurſen überwuchert, in deren gelehrter Aus⸗ ſtattung Senator leider einen beſonderen Schmuck geſehen hat. Erfloſſen können die Erlaſſe nicht ſein in der Form, worin ſie in den Varien veröffentlicht ſind. Freilich äußert Thorbecke S. 56:„Dieſen Abſchweifungen auffallendſter Art wird ſtets das Zeugnis der Vorrede die Urſprünglichkeit vindizieren.“ Ich vermag jedoch in der praef. nichts zu finden, wodurch Bereicherung der urſprünglich in Eile diktierten Erlaſſe bei der Herausgabe ausgeſchloſſen wäre. Jener Brief, wo nicht einmal der Name des zu beloh⸗ nenden Kanzleibeamten genannt iſt, und der in einen Lobpreis des Papyrus und ſeiner Geſchichte ausartet, iſt ſicherlich an den betr. unteren Beamten ſo nicht erlaſſen worden. Die Exkurſe verraten den bei der deransaabt in r Buchſorm in höherem Grad bereitigten Zweck, der Gelehrſamkeit ihres Verf. ein Ventil zu
¹) 1, 1. 1, 12. 2, 9. 3, 15. 3, 17. 3, 24. 3, 30. 4, 6. 4, 20. 4, 23. 5, 9. 5, 12 und viele andere. . ²) Bugène Baret, C. Soll. Apollinaris Sidonii opera, Paris 1879, eine gewiſſermaßen unter Guizots d. Alteren Mithilfe entſtandene Ausgabe.
³) Hier hat ſchon Garet(nach Juretus) die richtige nota: ejusdem argumenti epistola exstat apud Apoll. Sidon. 8, 11 et Plin. jun. 3, 14.
¹) Die Sicherheit im italiſchen Gotenreich rühmt übrigens Anonym. Valeſ. 85 72, 73.
⁵) Plin. 6, 14 ſtürzt ſich ein Weib mit dem unheilbaren Gatten in den See; 3, 7 tötet ſich Silius Italikus eines Leichdorns wegen.


