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Am schönsten zeigt sich dieser Baum zur Blütezeit im Mai. Wie ein geschmückter Weihnachtsbaum erscheint er alsdann mit seinen aufrechten, pyramidenförmigen Blütenrispen.
Die Rosskastanie hat auf grünem Kandelaber Die Blüten gelb und roth als Kerzen aufgesteckt; Der Regen will sie löschen, aber
Zu höherm Glanz hat er sie aufgeweckt.
(Rückert.)
Bei genauerer Betrachtung der Blüten bemerken wir einen grünen, glockigen Kelch, welcher fünf ungleiche, kurz genagelte Blumenblätter mit breiter Platte umschliesst. Dieselben sind weiss, und anfangs gelb, später roth gefleckt. Die sieben Staubfäden krümmen sich ab- wärts und steigen dann wieder auf. Zwischen ihnen ragt ein Griffel hervor; jedoch nicht immer, da bei manchen Blüten das Pistill verkümmert,(23. Klasse des Linné'schen Systems!); in diesem Falle sind sie äusserlich schon an ihrer helleren Färbung kenntlich. Aus dem dreifächerigen, sechseiigen Fruchtknoten wird eine stachelige Frucht, in welcher meist nur ein oder zwei Samen zur vollen Entwickelung kommen. Dieselben sind von einer lederigen Haut umgeben und haben einen grossen weissen Nabelfleck. Sie enthalten viel Stärkemehl und geben deshalb ein gutes Futter für Schweine, Schafe und Pferde. Auch das Rothwild frisst sie gerne, was ein Versuch bei den Hirschen im zoologischen Garten bestätigen wird. Der Verwerthung des Stärkemehls für den directen Genuss des Menschen steht der beigemengte Bitterstoff vorläufig noch entgegen. Gemahlen findet der Sameninhalt als Niesemittel und Waschpulver Verwendung 3
Die Blätter sind dunkelgrün, meistens siebenfingerig, langgestielt und gegenständig; die Blättchen sind runzelig, sitzend, verkehrteiförmig, unten keilförmig verschmälert, oben zugespitat, am Rande ungleich gesägt. Von der Mittelrippe laufen Fiedernerven aus, in deren Winkeln auf der Unterseite rostartige Flecken bemerkbar sind. In der Knospe sind die Blatter mit einem wolligen Flaume bedcckt und jene Flecken sind nichts anderes, als die Reste eben dieser Knospenwolle. Die Stellung der Blätter an den letzten Trieben wird durch die Blatt- stielnarben verrathen. Dieselben sind glatt, halbkreisförmig und hufartig mit erhabenen Punkten besetzt. Recht freundlich sieht der Baum auch aus, wenn er das dunkle Grün seiner Blätter mit der rostbraunen Herbstfärbung vertauscht hat oder zu vertauschen im Begriffe ist. Der aufrechte Stamm der Kastanio verästelt sich in verhältnissmässig geringer Höhe zu einer schönen, ausgebreiteten Krone, wobei die untersten Aeste bogig abwärts neigen, während die übrigen Aeste sich bis zu einer Höhe von etwa 20 Meter nach oben strecken. Die Rinde ist braun und, je nachdem sie an schattigen oder sonnigen Orten steht, glatt oder rissig, enthält neben Gerbstoff ein Glucosid, das Aesculin, welches durch kochendes Wasser oder Alkohol ausgezogen werden kann und in farblosen Nadeln krystallisirt. Die wässerige Lösung zeigt die Erscheinung der Fluorescenz in ausgezeichnetem Grade. Das Holz ist leicht und von keinem besonderen Werthe.
Im Winter ist der Baum leicht an seinen grünlichbraunen, harzigen, sehr grossen Knospen vu erkennen. Keiner unserer Bäume zeigt so grosse Knospen. Nicht selten kommt es vor, dass dieselben, da sie schon im August erscheinen, sich noch im Spätherbste entfalten und wir haben dann die Freude, eine zweite Blüte zu begrüssen, freilich auf Kosten des Blütenschmuckes im folgenden Jahre.


