Aufsatz 
Schillers Dramen im Lichte der zeitgenössischen Kritik
Entstehung
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unserem Dichter eingetroffen, aber nirgends auffallender, als da der kalte Franz Moor ebenso wie der feurige Karl in Bildern ohne Ende und Mass spricht;... doch könnte man auch ohne dergleichen ein echter Nachahmer Shakspeares sein?

Mit dieser Schlussfrage glaubt der Kritiker offenbar einen Haupttrumpf ausgespielt zu haben; uns verräth derselbe aber nur, was wir auch ohne diese Frage in Bezug auf Klein's Stel- lung zu jener Partei dramatischer Dichter, auf deren Seite Schiller mit denRäubern trat, wissen würden.

Allein der Wahrheit die Ehre: Unser erboster Recensent bemüht sich des Weiteren auch redlich, selbst seinem aristotelischen Glaubenseifer ein Lob Schillers abzuringen. Ein grosses Ver- dienst freilich dürfte darin angesichts der epochemachenden Bühnenerfolge, welche auch der verbissenste Gegner denRäu- bern nicht streitig machen konnte, kaum gefunden werden, und zwar um so weniger, als der Recensent vorweg,einen grossen Theil des Beifalls auf Rechnung des Spieles und der Decora- tionen bei den Aufführungen, sowie der Liebe zum Plittergold, der gehäuften Metapher, des Mangels an Bildung, des falschen Geschmackes und der Geistesschwäche seitens des Publikums setzt. Um so schwerer aber nur wiegt das Lob des Dichters, das dem strengen Kunstrichter schliesslich doch noch, wenn auch etwas dickflüssig, aus der Feder fliesst. Er nennt den Autor der Räuber einausserordentliches Talent, rühmt ihmviel Menschenkenntnis(sic!) undglühende Gefühle, der Dichtung selberinteressante Scenen,grosse Züge underhabene Schönheiten nach, freilich lauterPerlen im Gassenstaube!

Die Scene des Franz Moor zu Anfang des fünften Aktes erhält unter allen Auftritten des Stückes von Klein den ersten Preis, ja sie reisst unseren Jesuiten sogar zu dem enthusiastischen Ausrufe hin:Diese einzige Scene rechtfertigt den Dichter wider jeden Vorwurf, den man seinem moralischen Gefühle derRäu- ber wegen machte. Logik, wo bleibst du!

Das Resumé seiner kritischen Untersuchungen fasst der Recen- sent in das Verdict zusammen:Niemals habe ich an einem Kunstwerke zwischen so vielen und ungeheueren Mängeln so vorzügliche und grosse Schönheiten gefunden und das Vergnügen, Schönheiten zu bewundern, niemals so unvollkommen genossen wie hier.... Ich ehre wirklich das