Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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ſtattfinden, er müßte alſo abſolut kalt ſein, was nicht der Fall iſt. Ein ſolcher, abſolut kalter Raum läßt ſich indeß wenigſtens denken; ſtrömt in dieſen gedachten Raum nun ein Gasatom und fliegt darin hin und her, ſo müßte nach der mechaniſchen Wärmetheorie der Raum warm ſein; denn nach ihr liegt ja die Temperatur nicht in der Zahl der Atome, ſondern in der lebendigen Kraft derſelben; fliegt alſo nur ein einziges Atom in dem leeren Raum herum, ſo muß derſelbe, der Maſſe und Geſchwindigkeit des Atoms entſprechend, ebenſo warm ſein, als wenn Billionen von Atomen darin hin⸗ und herfliegen, falls ſie nur alle dieſelbe Maſſe und dieſelbe Geſchwindigkeit haben, wie jenes eine. Dieſer Folgerung entſpricht auch, daß die mechaniſche Wärmetheorie die beim Zuſammendrücken von Gaſen entſtehende Wärme nicht in der Verdichtung ſucht, ſondern in der den Atomen mitgetheilten Kolbenbewegung. Während alſo bei ihr die Temperatur durchaus unabhängig von der Zahl der Atome in einem gewiſſen Raume iſt, ſteht die Wärmemenge in unmittelbarer Abhängigkeit von derſelben, denn ſie wird gemeſſen durch das Produkt aus der Zahl der Atome in die lebendige Kraft derſelben. Wird alſo die Atomen⸗ zahl eines Raumes Billionen mal größer, bleibt aber die Maſſe und Geſchwindigkeit der einzelnen Atome dieſelbe, ſo iſt zwar die Wärmemenge des Raumes Billionen mal größer geworden, aber ſeine Temperatur iſt dieſelbe geblieben. Nach der mechaniſchen Wärmetheorie kann demnach die Wärme⸗ menge eines Raumes ins Unendliche vergrößert werden, ohne daß die Temperatur geändert wird, worin gewiß ein Widerſpruch liegt.

Die Einfachheit der Krönig'ſchen. Anſchauungen geht Clauſius gegenüber noch mehr verloren, wenn derſelbe den Weg eines Atomes genauer verfolgt und den inneren Unterſchied zwiſchen feſten, flüſſigen und luftförmigen Körpern feſtſtellen will. Es zeigt ſich nämlich dabei, daß die Bewegung der Theilchen zur Erklärung dieſes Unterſchiedes und der Natur der einzelnen Zuſtände nicht genügend iſt, ſondern daß Anziehung und Abſtoßung zu Hilfe genommen werden müſſen. Zwar iſt von einer Ab⸗ ſtoßung in den erſten Abhandlungen gar nicht die Rede, ſo daß Buijs⸗Ballot ¹) mit Clauſius die Abſtoßung gern vermeiden und ſelbſt ganz läugnen möchte, ſie aber doch nun einmal nicht zu be⸗ ſeitigen vermag. Allein Clauſius will ſie auch durchaus nicht läugnen; in ſeiner Antwort ²) auf Buijs⸗Ballot's ECinwendungen zeigt er, wie man ſich die Wirkung der Atomkräfte denken könne: nähern ſich zwei Atome einander, ſo kommen ſie endlich in ſo große Nähe,daß die abſtoßende Kraft wirkſam wird und ein Abprallen der Moleküle ſtattfindet. Wie ſollte wohl auch die Elaſticität der Gaskugeln erklärbar ſein, wenn an ihnen keine Abſtoßung haftete? Selbſt alſo zur Erklärung der Natur der Gaſe, wo doch gewiß Raum genug zur Bewegung gegeben iſt, kann dieſe Grundkraft nicht entbehrt werden. So nöthig aber der mechaniſchen Wärmetheorie die Kräfte ſind, ſo ſtörend tritt deren Wirkung in das Spiel der Bewegungen der Gasatome ein. Entweder gibt man nämlich das Daſein abſtoßender Aetheratome zwiſchen den Körperatomen zu oder nicht.Gibt man es nicht zu, ſo iſt über⸗ haupt keine Abſtoßung denkbar; denn in einem Punkt oder in einem Atom kann man doch nicht zwei einander entgegengeſetzt wirkende Kräfte, Anziehung und Abſtoßung, denken, da ſie ſich einander vernich⸗ ten müßten. Dann aber müſſen die Atome ſich einander feſthalten, ſo wie ſie einander nahe kommen oder wider einander fliegen, und es iſt demnach der gasförmige Zuſtand zu Ende. Gibt man dagegen den abſtoßenden Aether zu, ſo läßt ſich allerdings, wie oben geſchehen, darthun, daß bei weiter fortſchreiten⸗ der Annäherung zweier Atome die Abſtoßung ſtärker wächſt, als die Anziehung. Dabei aber unterſtützt die Anziehung die eigenthümliche Bewegung der Gasatome zu einander, die ja nach der mechaniſchen Wärmetheorie ſehr heftig iſt, ſo daß die allmälig größer werdende Abſtoßung jene beiden Wirkungen auch nur ſehr allmälig vermindern und endlich überwiegen kann. Kommen ſich alſo die Moleküle einan⸗ der ſehr nahe, ſo müſſen ſie ſich immer langſamer bewegen und dadurch ſowohl ihre Gasnatur, wie ihre

¹) Pogendorff's Annalen, Band 103. S. 244. ²) Poggendorff's Annalen, Band 105. S