Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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eine Bewegung ſei; denn die Arbeit, ſagte man, iſt eine Bewegung von Körpern, folglich muß die Wärme, welche in Arbeit übergehen und welche aus Arbeit entſtehen kann, auch eine Bewegung ſein; von der ſtrahlenden Wärme hatte man dies ſchon früher behauptet, indem man ihre Identität mit Licht nachgewieſen glaubte und damit ausſagte, daß ſie in Querſchwingungen des Aethers beſtände; von der Körperwärme dagegen mußte die mechaniſche Wärmetheorie annehmen, daß ſie eine Bewegung der klein⸗ ſten Körpertheilchen ſei, weil dadurch ihre raſche Umwandlung in Arbeit und umgekehrt am ein⸗ fachſten erklärbar ſchien. Clauſius zwar, der eigentliche Ausbildner der mechaniſchen Wärmetheorie, ließ bei ſeinen Arbeiten über dieſelbe anfangs durchaus nicht erkennen, welche Anſchauung von jener Bewegung der kleinſten Theilchen er ſich gebildet hatte; er machte nur die Annahme, daß überhaupt eine Bewegung der Theilchen beſtehe, daß die Wärme das Maß der lebendigen Kraft derſelben ſei, und daß dex erſte Grundſatz durch dieſe Annahme bedingt werde. ¹) Ja ſelbſt Zeuner, der die Grundzüge jener neuen Wiſſenſchaft im Zuſammenhange herausgegeben hat, erklärt es für unnöthig, ſich einer be⸗ ſtimmten Anſicht über die Form der Bewegung anzuſchließen, wenn man die Theorie ſtudiren wolle; wir ſahen ſogar, daß dieſelbe auch einer verbeſſerten Stoffanſchauung nicht widerſpricht. Durch die allgemeine Aufmerkſamkeit aber, welche die ſchönen Reſultate der mechaniſchen Wärmetheorie erweckten, wurde das Beſtreben der Phyſiker, die Wärmeerſcheinungen durch eine Bewegung der kleinſten Theilchen zu erklären, geſteigert. Es erſchienen Rankine's Werk, das die Wärme als eine Wirbelbewegung der Aetherhüllen darſtellte, Redtenbacher's Dynamidenſyſtem und endlich Krönig's Theorie der Gaſe. ²) In dieſer kleinen, aber in der Geſchichte der Phyſik wichtigen Arbeit, wird die Hypotheſe aufgeſtellt, daß die Gaſe aus vollkommen elaſtiſchen Atomkugeln beſtehen, die mit unveränderlicher Geſchwindigkeit in gerader Linie ſo lange fortgehen, bis ſie gegen ein anderes Gasatom oder gegen eine feſte oder flüſſige Wand ſtoßen, von der ſie zurückgeworfen werden. Aus dieſer Annahme wird zunächſt das Mariotte'ſche Geſetz abgeleitet: je dichter die Gaſe ſind, deſto mehr Atome fliegen in einer gewiſſen Zeit gegen eine feſte Wand, deſto größer wird alſo der Druck gegen dieſelbe.

Sodann macht Krönig die Annahme, die Temperatur eines Körpers ſei nichts Anderes, als die lebendige Kraft d. i. die Macht des Schwunges der einzelnen Atome, ſie werde alſo ausgedrückt durch das Produkt aus der Maſſe eines Atoms mit dem Quadrat ſeiner Geſchwindigkeit. Wenn demnach zwei Gaſe bei gleicher Temperatur einen gleichen Druck ausüben, ſo kann dies nur die Folge davon ſein, daß auf gleich große Flächen gleich viele Atome ſtoßen, wenn alſo gleiche Gasräume gleich viele Gasatome enthalten; wird dagegen bei gleicher Aethermenge die Geſchwindigkeit der Atome, alſo auch ihre Temperatur um gleich viel größer, ſo wächſt auch ihre Stoßkraft gegen die Wände d. i. der Druck gegen dieſelben um gleich viel, woraus ſich das Gay⸗Luſſae'ſche Gaſetz ergibt. In den verſchiedenen Gaſen kann die Geſchwindigkeit der Atome bei gleicher Temperatur nicht dieſelbe ſein, weil die Atome verſchiedene Maſſen haben und die lebendigen Kräfte derſelben doch einander gleich ſein müſſen. So hat z. B. das Sauerſtoffatom 16 mal mehr Maſſe, als das Waſſerſtoffatom; damit beide nun gleiche Temperatur oder gleiche lebendige Kraft haben, muß das Waſſerſtoffatom 4 mal ſchneller fliegen, als das Sauerſtoffatom. Daraus folgt auf einfache Weiſe, daß leichte Gaſe ſich ſchneller ausbreiten, als ſchwere, und in dieſen aufſteigen müſſen.

Die Wärmemenge eines Gasraumes hängt von der Menge der Atome ab und nicht von der Maſſe oder von der Geſchwindigkeit der einzelnen Atome bei einer und derſelben Temperatur, da in dieſem Fall die geringere Maſſe eines Atoms durch ſeine größere Geſchwindigkeit und umgekehrt erſetzt wird; weil aber gleiche Gasräume gleich viele Atome enthalten, ſo müſſen ſie bei gleicher Temperatur

¹) Poggendorff's Annalen, Band 79. Seite 373. ²) Poggendorff's Annalen, Band 99. 1856. 6