Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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einem wärmeren zu einem kälteren Körper übergehe. Die Wärmewirkung lag nach dieſem Satz in dem Fortſchreiten, in der Bewegung der Wärme; der Satz ſtützt ſich auf die Unvernichtbarkeit derſelben, alſo auf das Vorhandenſein eines eigenen Wärmeſtoffes, der unter allen Umſtänden wärmend wirken muß und daher nie als Wärme verſchwinden kann. Erſt 1842 machte Mayer) wieder darauf aufmerk⸗ ſam, daß eine beſtimmte Arbeitsgröße eine beſtimmte Wärmemenge erzeugen und umgekehrt eine gegebene Wärmemenge, etwa unter dem Keſſel einer Dampfmaſchine, nur eine beſtimmte mechaniſche Wirkung hervorrufen könne: im erſten Fall, folgerte er weiter, wird Arbeit verbraucht, und an ihrer Stelle er⸗ ſcheint Wärme; im zweiten Fall wird Wärme nicht bloß übergeführt, ſondern auch verzehrt, ſo daß ſie verſchwunden iſt; daraus zog Mayer zuerſt den Schluß: im erſten Falle iſt die Arbeit in Wärme, im zweiten die Wärme in Arbeit verwandelt worden. Einige Jahre ſpäter bemächtigte ſich der Eng⸗ länder Jouleꝛ) des Gegenſtandes und wies in einer Reihe höchſt genau angeſtellter Verſuche in aller Strenge nach: wo Arbeit keine äußere Wirkung vollbringen kann, wo ſie alſo für die Außenwelt verloren geht, bringt ſie immer Wärme hervor, und zwar erzeugt eine Arbeit von 424 Kilogrammometern oder 5 ½ Pferdekräften dann immer eine Wärmeeinheit d. i. ſo viel Wärme, als nöthig iſt, um ein Kilogramm Waſſer um 10 C. zu erwärmen; umgekehrt, wenn durch Wärme Arbeit geleiſtet wird, ſo bringt eine Wärmeeinheit, vorausgeſetzt daß bei ihrer Einwirkung Nichts von ihr verloren geht, immer eine Arbeit von 424 Kilogrammometern hervor. Weil alſo Arbeit in Wärme und Wärme in Arbeit in ganz beſtimmten, unter den verſchiedenſten Umſtänden ganz gleichen Mengenver⸗ verhältniſſen übergeht, ſo ſchloß man: Wärme und Arbeit ſind äquivalent und nannte die Groͤße 424 Kilogrammometerdas mechaniſche Aequivalent der Wärmeeinheit. Es wurde ſchon früher gezeigt, daß dieſer Satz auch der Actherlehre entſpricht; denn nach ihr iſt Erwärmung nichts Anderes, als Aetherverdichtung, und Abkühlung Aetherverdünnung. Jeder beſtimmten Aetherverdichtung entſpricht aber eine beſtimmte Zunahme, jeder Aetherverdünnung eine verhältnißgleiche Abnahme der abſtoßenden Kraft. Die geſammten Erfolge der neuen phyſikaliſchen Wiſſenſchaft, die auf dem Boden des Satzes von der Aequivalenz der Wärme und Arbeit erbaut wurde, widerſprechen alſo der geläuter⸗ ten Stoffanſchauung nicht, obwohl Joule ſofort aus ſeinen Verſuchen und den daraus erhaltenen Zahlen die Schlüſſe zog, daß die Wärme nicht ein Stoff, ſondern ein mechaniſcher Effect ſei und beſon⸗ ders die Wärme der Luftarten in der lebendigen Kraft ihrer Theilchen beſtehe..

§. 37. Die Grundſätze und Erfolge der mechaniſchen Wärmetheorie. Des Satzes: Wärme und Arbeit ſind äquivalent, bemächtigte ſich der ſchöpferiſche Geiſt einiger Phyſiker; er war durch Verſuche ſo ſcharf bewieſen, daß er nicht mehr angezweifelt werden konnte. In den Ruhm, auf ihm ein neues wiſſenſchaftliches Gebäude ſeit 1850 aufgeführt zu haben, theilen ſich Deutſche und Eng⸗ länder. Von den letzteren waren es Macquorn Rankine und Thomſon, die faſt gleichzeitig mit Clauſius die neue Wiſſenſchaft in Angriff nahmen. Letzterer entwickelt eine ganz beſondere Thätig⸗ keit; denn ſeit jener Zeit iſt faſt kein Jahrgang der phyſikaliſchen ZeitſchriftPoggendorff's Annalen erſchienen, der nicht eine neue bahnbrechende Arbeit dieſes genialen Forſchers enthielte. Den Grundſatz⸗ der mechaniſchen Wärmetheorie ſprach derſelbe folgendermaßen aus: ³) In allen Fällen, wo durch Wärme Arbeit entſteht, wird eine der erzeugten Arbeit proportionale Wärmemenge verbraucht und umgekehrt kann durch Verbrauch einer ebenſo großen Arbeit dieſelbe Waͤrmemenge erzeugt werden. Dieſer Satz heißt jetzt in der Phyſik: der erſte Grundſatz

der mechaniſchen Wärmetheorie. 3 Wird durch Wärme eine Arbeit geleiſtet, z. B. der Kolben einer Dampfmaſchine fortgeſchoben, ſo

alen der Phyſik und Chemie, Mai 1842. ²) Jonle, Philosophioal Transactions 1850.

¹) Mayer, Liebigs An⸗ 1 Philosophical Magazin, vol. 23, 26, 2, 31 u. s. w. ³) Poggendorff's Annalen, Band 79, Seite 373.