Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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wie im ungeänderten Spektrum, vom Violett an bis in die vorrothe Gegend gleichfoͤrmig zunimmt. Kann der unbefangene Forſcher ſich unter dieſen Umſtänden unbedingt für die Identität ausſprechen? Es iſt dies um ſo weniger möglich, als die Freunde der Schwingungstheorie ſofort von einander ab⸗ weichen, wenn ſie das Gebiet der ſtrahlenden Wärme verlaſſen und die Körperwärme als Bewegung zu erklären ſuchen. Wir können daher auch hier nicht, wie es bei der Stoffanſchauung verſucht wurde, eine Erklärung aller Wärmeerſcheinungen im Sinne jeder einzelnen der beſtehenden Grundanſichten geben, es mögen nur die wichtigſten und am meiſten ausgearbeiteten zu kurzer Darſtellung gelangen.

§. 33. Ampdre's dreifache Theilung des Stoffes(1832). Während Einige durch das ſo eben angeführte Vorkommen von Licht ohne Wärme ſich veranlaßt ſehen, für die Erſcheinungen der ſtrahlenden Wärme Schwingungen eines eigenen Wärmeäthers ¹) anzunehmen, glaubt Ampere, der phantaſievolle Entdecker des Zuſammenhangs zwiſchen Electricität und Magnetismus, die ſirahlende Wärme beſtehe aus Schwingungen des Lichtäthers von geringerer Anzahl in einer Sekunde, als die Lichtſtrahlen ſie enthalten. Die Körperwärme dagegen iſt bei ihm eine ſchwingende Bewegung der Atome, die mit anziehenden und abſtoßenden Kräften begabte Punkte und demgemäß zu Molekülen gruppirt ſind, deren Schwingungen den Schall bilden. Der Aggregatzuſtand hat ſeinen Grund in den Abſtänden der Moleküle von einander, in welchen dieſe ſich zu feſten, flüſſigen oder luftigen Partikeln verbinden, die durch die Vibrationen des zwiſchen ihnen verbreiteten Aethers getrennt bleiben. Dieſe Vibrationen können ſich den Atomen mittheilen, wodurch die Erwärmung mittelſt der Wärmeſtrahlen ſich erklärt, während ſie auch die verſtärkte Bewegung der Atome eines Partikels auf die eines andern übertragen und ſo die Wärmeleitung vermitteln. Wenn nun nach dieſer Anſchauung Ampdre's die ſtrahlende Wärme aus langſameren Schwingungen beſteht, ſo iſt nicht einzuſehen, warum in dem farbigen Theil des Spektrums ſich Wärme befindet; was die Körperatome anbelangt, ſo ſchreibt man ihnen jetzt nicht mehr gleichzeitig entgegengeſetzte Kräfte zu.

§. 34. Wiener's dreifach wirkende Atome(1863). Nur Wiener legt den Körperatomen die Fähigkeit bei, die Körperatome anzuziehen und die Aetheratome abzuſtoßen; es wird demnach ein Körper⸗ atom anziehend, wenn ihm ein Körperatom nahe kommt, und abſtoßend, wenn ein Aetheratom in ſeine Nähe tritt; demnach muß ein Körperatom drei Fähigkeiten beſitzen: es muß anziehen, abſtoßen und in einem andern Körperatom die Fähigkeit der Anziehung erwecken; das Aetheratom hat jedoch nur zwei Fähigkeiten: Alles abzuſtoßen und in einem Körperatom die Kraft der Abſtoßung zu erzeugen. Wie⸗ nera) gelangte zu dieſer Annahme durch die Meinung, nur auf dieſer Grundlage laſſe ſich eine genü⸗ gende Erklärung des Unterſchiedes der Aggregatzuſtände geben. Nach ihm befinden ſich alle Atome in Schwingungen und zwar ſchwingen in den feſten Körpern die Aetheratome in entgegengeſetzter Richtung, als die Körpermoleküle, während in den flüſſigen Körpern beide nach gleicher Richtung ſchwingen und in den Luftarten ſich jede der beiden Schwingungsarten denken läßt. Die Temperatur eines Körpers liegt in der Dauer der Schwingungen: je mehr Schwingungen die Körper⸗ und Aetheratome in einer Sekunde machen, deſto höher iſt der Wärmegrad des Körpers. Die Wärmemenge eines Körpers iſt die lebendige Kraft aller ſchwingenden Atome desſelben d. i. die ganze Fülle und Macht der Bewegung, welche mit der Maſſe und dem Quadrat der Geſchwindigkeit in direkter Beziehung ſteht. In dieſen, wie in allen übrigen Wärmeerſcheinungen ſteht Wiener der mechaniſchen Wärmetheorie ſehr nahe; wir führen ihn hier im Einzelnen an, weil ſeine Atome denen Ampdre's am nächſten kommen und weil er eine zuſammenhängende Erklärung aller Wärmeerſcheinungen gab. vurDr

§. 35. Redtenbacher's ſchwingende Aetherhüllen(1857). Der berühmte Lehrer der Maſchinen⸗ baukunde und der Theorie der Maſchinen blieb vollſtändig bei der allgemein angenommenen und im

¹) Marbach's phyſikaliſches Lexikon, Bd. 6. S. 759. ³) Wiener, Grundzüge der Weltordnung, Seite 189.