Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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Zweite Grundanſchauung: 7. Die Wärme iſt eine Bewegung.

§. 32. Die ſtrahlende Wärme. Nach dem Verſuche, eine dem Stand der Wiſſenſchaft ent⸗ ſprechende Stoffanſchauung für die Wärme aufzuſtellen, bleibt uns noch die Aufgabe, die gebräuchlichen Bewegungstheorieen zu entwickeln. So weit die Freunde der Bewegung auch in der Erklärung der Körperwärme aus einander gehen, ſo einſtimmig ſind ſie in der Annahme des Satzes: ſtrahlende Wärme und Licht ſind identiſch. Die ſtrahlende Wärme beſteht alſo in der Bewegungslehre aus Schwingungen des Aethers; wirken dieſelben auf unſer Gefühl, ſo bringen ſie den Eindruck der Wärme, wirken ſie auf die Netzhaut des Auges, ſo bringen ſie Lichteindrücke hervor. Durch dieſe behauptete Identität von Licht und Wärmeſtrahlung wird nun die ganze Gruppe der Erſcheinungen der letzteren plötzlich zu überraſchender Klarheit erhoben; denn die längſtbekannten Erklärungen der Lichterſcheinungen gelten auch ſofort für die Wärme, wodurch beſonders die merkwürdigen Aehnlichkeiten der Lichtfarben mit den Wärmefarben ſich aufs Einfachſte ergeben. Wir erfahren hierdurch auch, wohin die Lichtbewegungen gerathen, die doch immer in unendlicher Fülle von der Sonne aus die Körper überfluthen; ſie werden ganz einfach in Bewegungen der Körperatome, alſo in Körperwärme verwandelt, ähnlich wie die Schall⸗ ſchwingungen, die in der Luft durch das Ertönen einer Saite entſtehen, in einer gleichgeſtimmten Saite leiſe denſelben Ton erwecken. Allein, ebenſowohl, wie gegen die im vorigen§. gegebene Stofferklärung der ſtrahlenden Wärme Einwände erhoben werden können, ebenſo iſt auch die Identität von Wärme⸗ ſtrahlung und Licht nicht über alle Anfechtungen erhaben. Denn es gibt Wärme, die keinen Lichtein⸗ druck, und Licht, das keinen Wärmeeindruck macht. Der erſte Einwand iſt zwar von der Schwingungs⸗ theorie ſofort widerlegt worden; denn ſie zeigte bei der Zerlegung des weißen Lichtes durch das Prisma, daß nur ſolche Schwingungen, deren Zahl 450— 700 Billionen in einer Sekunde beträgt, das Licht bilden, während Bewegungen von geringerer Anzahl zwar noch Wärmeeindrücke, aber keinen Lichtein⸗ druck mehr machen können, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil ſie nicht mehr durch die Häute und Flüſſigkeiten des Auges dringen. Beſtände dieſe Eigenthümlichkeit des Auges nicht, ſo wür⸗ den wir vor dem Roth des Regenbogens noch andere uns unbekannte Farben erblicken und der Farben⸗ reichthum der Natur würde ein noch größerer ſein. Auch der Einwand: in dem vorrothen Theile zeige das Spektrum die größte Wärmewirkung, während dieſe doch nach der Schwingungstheorie ſelber mit der Stelle der lebhafteſten Bewegung, alſo mit dem violetten oder gar ultravioletten Theile, zuſammen⸗ fallen müſſe, wurde durch ein ſtrenges Rechnungsreſultat widerlegt, welches ausſpricht, daß Strahlen von geringerer Schwingungszahl weniger durch die Brechung zerſtreut werden, alſo dichter beiſammen liegen müſſen, als die ſchneller ſchwingenden leuchtenden Strahlen. Allein, könnte man nicht dagegen wieder geltend machen, daß die geringere Dichte der leuchtenden Strahlen durch ihre bei Weitem überwiegende Schnelligkeit wenigſtens erſetzt werden müßte? Und ſollte es möglich ſein, daß violettes Licht oder weißes, welches violette Beſtandtheile von 750 Billionen Schwingungen in einer Sekunde enthält, be⸗ ſtehen könnte, ohne bei jener ungeheuren Geſchwindigkeit wärmende Wirkungen zu haben. Und doch gibt es Licht ohne Wärme, wie das Mondlicht, das Sternenlicht u. ſ. w.— Der berühmteſte Forſcher im Bereiche der ſtrahlenden Wärme, Melloni, trennte durch einen Verſuch das Licht eines Strahles ſo vollkommen von der Wärme desſelben, daß das erſte ſelbſt auf den empfindlichen Wärmemeſſer keinen Eindruck mehr machte. Wenn nun Licht und Wärme identiſch ſind, kann es alsdann irgend einen Lichteffect ohne entſprechende Wärmewirkung geben? Müßte dann nicht auch jede Lichtänderung mit einer Aenderung der Wärme verknüpft ſein? Und doch zeigte wieder Melloni, wenn auch entſchiedener An⸗ hänger der Identität, daß durch Einſchalten farbiger Gläſer verſchiedener Art zwiſchen die Lichtquelle und das Spektrum der leuchtende Theil die bedeutendſten Aenderungen erleidet, während die Wärme,