— 24—
die dankbare Patienten setzen ließen, wenn der Gott sie von Indigestionen, Kopfweh und andern Ubeln befreit hatte, lassen uns interessante Einblicke in die religiöse Medizin der Zeit thun, wie der amüsante Krankenbericht, den M. Julius Apellas in Fpidauros im Steine verewigen liegu).
Bemerkenswert ist aber dies, daß wir es bei den Sarapisheiligtümern und nicht anders bei den als Heilgottheiten verehrten orientalischen Bafalim nicht nur mit einzelnen, zu einem bestimmten Zweck bei den Heiligtümeen erschienenen Incubanten zu thun haben, sondern auch mit einer Gilde von solchen, die mit dem Heiligtume in einer gewissen Ver- bindung standen und offenbar für Geld andern dazu behülflich waren, ein Orakel oder Aus- kunft über irgend welche in einem besonderen Falle anzuwendenden Medikamente zu erhalten. Für das große Sarapeum bei Memphis ergiebt sich das aus den Papyri. Ptolemäus, wie auch sein Bruder Apollonius bezeichnet sich in dem Eingang seiner Bittgesuche als«zur Gilde der Besessenen gehörig»(roν εν xaο⁷⁵ ον), und auch sonst treten uns diese Leute wie eine geschlossene Gesellschaft entgegen. So besonders deutlich in der Eingabe an den König über die unerlaubte nächtliche Durchsuchung der Wohnung und das Eindringen der Priester und Polizeibeamten in das Heiligtum. Ebenso lassen sich die«Besessenen“ des Ba'al von Baitokaike als Gilde erkennen, wenn sie ein Dekret in Stein errichten oder eine Votivsäule weihen. Die Motive, die den einzelnen zum Eintritt in die Gilde bewogen, mögen recht ver- schieden gewesen sein. Bei Ptolemäus, dem Sohn des Glaucias, war es ein Rückgang seiner Vermögensverhältnisse, der eine Folge der Bürgerkriege war, denen sein Vater zum Opfer fiel. Bei andern waren es wohl ähnliche Motive, wie sie die zahllosen Scharen von Tempelbeamten, die jedes größere Heiligtum aufwies, zu ihrem Dienste veranlaßt hatten: die Aussicht auf ein zwar nicht glänzendes, aber immerhin sorgenfreies Leben. Denn daß sie ein solches zu er- warten hatten, trotz dem Bettler Harmais(Pap. Lond. XXIV[XVI]), läßt sich wohl kaum be- zweifeln²). Noch nie haben die, die auf den menschlichen Aberglauben spekulierten, in der Welt ein schlechtes Geschäft gemacht. Und die beweglichen Klagen des Ptolemäus in seinen Bettelbriefen, die Bitten, ihn durch Erfüllung seiner Wünsche vor dem Verhungern zu schützen, sind sicher nicht so tragisch zu nehmen.
Über die eigentliche Thätigkeit dieser Gilde, über die wir in den Bittgesuchen und Herzensergüssen nichts erfahren, geben uns einige Papyri höchst wertvolle Aufschlüsse. Es sind diejenigen Urkunden, in denen sie ihre Träume aufzeichneten ³). Leider sind es nur dürftige Trümmer einer jedenfalls nicht unbeträchtlichen Litteratur, die uns ein glücklicher Zufall geschenkt hat. Aber sie reichen doch aus, um uns in die Werkstätte jener Träume in den Heiligtümern zu versetzen. Daher verlohnt es sich, etwas näher darauf einzugehen. Das erste Schriftstück(Par. 50) stammt aus dem Jahre 160 v. Chr. und erzählt von Träumen, die ein gewisser Nechthonbes⁴) im Monat Pharmuthi gehabt hat. Der Anfang ist für mich nicht übersetzbar, weil Worte aus einer anderen Sprache eingemischt sind. Dann heißt es: Zum dritten sah ich den Ptolemäus, der mit einem Schwerte in der Hand durch das Quartier eilte und an die Thüre klopfte; und sie wird geöffnet... indem er ihn schlagen wollte. Ich sage: das darfst du nicht thun, sonst wirst du dein Kind verlieren ⁵). Der Herr(d. h. Sarapis= bafall) löst nicht sein⁰) Kind.— Ein Weib sitzt auf einer Matratze, hat ein Kind auf der Matratze.
1) Veröffentlicht von Kavvadias in der Eęrnusεs àννρηιναονας 1883, 227 ff. Vgl. dazu Zacher, Zu den Heilurkunden in Epidauros(Hermes 21([Berlin 1886], S. 467 ff.); v. Wilamowitz, Isyllos v. Epidauros (Philolog. Untersuchungen, Heft 9, 1886), S. 116 ff.— 2) Hierüber geben uns die Tempelrechnungen, die uns aus dem Sarapeum von Memphis erhalten sind, sehr dankenswerte Aufschlüsse. Man vgl. das Verzeichnis der Bareinnahmen des Apollonius in Par. 57.— 3) Strabo berichtet XVII, 1, 17, wie oben erwäühnt, von der Sitte, daß die Incubanten ihre Träume aufzeichneten.— 4) Der Name ist wohl mit dem Par. 35, 13. 37, 34 vorkommenden Nausεunbis identisch. Bei der elenden Orthographie dieser Schriftstücke ist eine Identifizierung der Namen für den Nichägyptologen einfach unmöglich.— 5) Um den bekannten Ptolemäus kann es sich nicht handeln. Denn der behauptet, keine Kinder zu haben(Lond. XXIII[III, 9). Der Papyrus stammt aus dem J. 158.— 6) Der Pap. hat arob; gemeint ist ο oder der Satz stellt die Deutung des Traumes dar: das Kind wird nicht gesund werden.


