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Antigone 475), erweicht man wieder im Feuer und kühlt es langsam ab, um es geschmeidig zu machen, vergl. Plato Staat 411 A.“ Wenn diese Erklärung richtig sein sollte, so hätten wir hier wahrlich das gröſste Rätsel ¹) des ganzen Monologes vor uns. Da ich einer eingehenden Widerlegung nach den vorauf- gegangenen Erörterungen überhoben zu sein glaube, so beschränke ich mich auf wenige Bemerkungen. Zunächst ist es schon an und für sich eine üble Sache, wenn man behufs Erklärung eines Sophokleischen Bildes zu dem Mittel greifen muls, nicht etwa zu sagen, dals der Vergleich in dieser oder jener Beziehung nicht völlig zutreffe(woran niemand Anstoſs nehmen würde), sondern dals er überhaupt auf einer ungenauen Angabe beruhe. Der Dichter war unzweifelhaft ein sehr aufmerksamer Beobachter des täglichen Lebens wie der Beschäftigungen der Menschen. Viele seiner Gleichnisse und Metaphern beweisen, daſs er insbesondere das Gebiet der menschlichen Erfindungen wie der gewerblichen Thätigkeit klaren Blickes überschaut und mit sinnendem Gemüte für seine dichterischen Zwecke verwendet. Er scheut sich nicht vom Handwerk, vom Spinnen und Weben, vom Drechseln und Zimmern, vom Schmieden und Bauen, vom Erzguſs u. s. w. seine Bilder zu entlehnen, die er dabei in eine Form kleidet, welche ein gründliches Verständnis der betreffenden Vorgänge verrät. Dem entspricht es, dafs wir im allgemeinen zu einem um so schärferen Erfassen des Sinnes der Sopho-— kleischen Vergleiche und Ubertragungen gelangen, je sorgfältiger wir auf die zu Grunde liegende Wirklichkeit eingehen ²). Daſs diese Richtschnur nun gerade bei unserer Stelle nicht eingehalten werden kann, ist besonders auffallend, weil es sich um Dinge hanqdelt, die Sophokles in der Waffenfabrik seines Vaters gewils unzühlige Male in der genauesten Weise beobachtet hatte. Umsoweniger kann es befriedigen, daſs der Dichter in diesem Punkte sich mit einer„ungenauen“ Angabe begnügt haben soll. Gegen Weckleins Erklärung ist ferner zu bemerken, dals weder die Bezugnahme auf die Platostelle am Platze ist, wo lediglich von einer Erweichung des Eisens im Feuer die Rede ist, noch die Anführung der Antigonestelle, in der es sich nach meiner von Wecklein ausdrück- lich gebilligten Auslegung um verbrannten Stahl handelt, der für die Alten ganz unbrauchbar war.(Vergl. Progr. v. 1885 S. 4 f. S. 17 ff.) Was aber als das Schlimmste erscheint, auch Wecklein trägt kein Bedenken mit einer offenbaren contradictio in adiecto sich zu helfen.„Man erweicht das Eisen im Feuer“ Ganz recht! Also Sauyrn= pgt!„und kühlt es langsam ab“. Soll sich 8acpſ etwa hierauf beziehen? Aber die langsame Abkühlung erfolgt ja nicht durch Eintauchen, sondern an der Luft! Und das nennt man eine„ungenaue“ Angabe? Heiſst etwa„ungenau“ so viel als„grundfalsch“, oder bedeutet 3aρρ, nachdem es ein élbad und ein Thränenbad gewesen, nun auch noch ein Luftbad?— Will man die
¹) In einer Rezension meiner Aias-Ausgabe(Berliner Phil. Wochenschr. 1891 S. 677 f.), auf die ich an anderer Stelle eingehender erwidern werde, tadelt es Wecklein, dafs ich den Monolog des KAias V. 646—692 im Kommentar als einen„rätselhaften“ bezeichnet habe. Er betont, derselbe verrate eine sehr feine Beobachtung seelischer Zustände, weshalb der Ausdruck unzuläfsig sei. Das beruht auf einem Mifsverständnis. Ich habe nicht sagen wollen, die Worte seien für den heutigen Leser oder für mich persönlich rütselhaft, aber sie sind es insofern, als Aias sich doppelsinniger und seine wahre Absicht verhüllender Wendungen bedient. Er sucht die Tekmessa und den Chor zu täuschen(vergl. m. Ausführungen in Fleckeisens Jahrbb. 1887 S. 178— 184), und es gelingt ihm dies auch vollkommen, da die Rätselrede des Helden von seiner Umgebung falsch verstanden wird. UÜbrigens hat der Monolog auch den Philologen manches zu raten aufgegeben, wie schon der Umstand beweist, dals über seine gesamte Bedeutung lange Zeit heftig gestritten wurde. Welcker, Thirlwall, K. Fr. Hermann, Goebel, Nauck auf der einen, Bonitz, Weismann, Kratz, Aldenhoven, Mascheck, G. Wolff u. s. w. auf der anderen Seite haben in ihrer Beurteilung einen grundverschiedenen Standpunkt eingenommen. Dazu ist von Gruppe, Raspe und van Leeuwen noch ein dritter Weg eingeschlagen worden das Rätsel zu lösen. Wecklein aber wird doch zugestehen müssen, dals ihm wenigstens die vorliegende Stelle bis dahin lediglich ein Gegenstand des Ratens gewesen ist.
²) Dies ist von Lueck in seinen Abhandlungen„de comparationum et translationum usu Sophocleo“(Progr. Neumark W.-Pr. 1878 u. 1880, Pr. Stargardt 1882) überzeugend dargethan worden.


