Aufsatz 
Kritische und erklärende Bemerkungen zu Sophokles' Aias / R. Paehler
Entstehung
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Daſs sich Schlenger hier gerade auf das Leinöl bezüglich des Siedepunktes bezieht, ist nicht eben glücklich, weil es aus bestimmtem Grunde recht zweifelhaft erscheint, ob die Alten überhaupt Leinöl gekannt haben. Nicht minder fraglich ist es, ob der Siedegrad für Leinöl genau bei 316°C. liegt. Es steht das freilich in einigen Handbüchern der Physik. aus denen es Schlenger vermutlich entnommen hat; so be- hauptet es Wüllner, Lehrbuch der Experimentalphysik 3° 1875. III S. 568; aber diese Angabe ist keineswegs zuverlässig. Sagt doch Wüllner(S. 569) unter anderem auch, der Siedepunkt des Terpentinöles sei 293° C., während derselbe in Wirklichkeit, wie mir Herr Prof. Dr. H. Fresenius mitzuteilen die Güte hatte, zwischen 156° und 160°C. liegt. Was die fetten õle anlangt, zu denen auch das Leinöl gehört, so beginnen sie schon zwischen 250 und 300° C. sich unter Aufwallen zu zersetzen. Indes ich will diese Kleinigkeiten nicht weiter betonen und nur fragen, ob es möglich ist, harten Stahl durch Ein- tauchen insiedendes ¹) Öl weicher zu machen. Hierauf ist sowohl mit Nein wie mit Ja zu antworten. Ein bloſses einmaliges Eintauchen ist völlig wirkungslos. Schlenger nimmt vorsichtiger Weise an, es habe einvielleicht wiederholtes längeres Eintauchen stattgefunden, wobei der Stahl allmählich auf den Hitzegrad des les und auf den Gradseiner gröfsten Weichheite gebracht werde. Er hätte einfach sagen sollen, der Stahl müsse in dem siedenden, éle gekocht werden, dann hätte er sachlich das Rechte getroffen ²). Dabei muſste ferner zu den Wortenseiner grölsten Weichheit hinzugefügt werden:soweit sie für den jedesmaligen Zweck zulässig war. Denn der Ausdruckgrölste Weichheit ist mifsverständlich. Der Stahl wird nämlich beim Anlassen keineswegs schlechthin weich, es wird ihm nur die bei dem vorausgegangenen Glühen und Ablöschen entstandene überflüssige Härte entzogen, er wird auf den richtigen d. h. dem betreffenden Zwecke entsprechenden Grad der Härte zurückgeführt. Will man den Stahl wirklich weich machen, so mufs man die Hitze noch über 316°C. steigen lassen. Ist nämlich bei diesem Temperaturgrade die Farbenreihe von Gelb, Braun, Purpur, Blau durchlaufen, so wird der Stahl zunächst wieder metallfarben(weiſsgrau) und überzieht sich dann von neuem und in gleicher Reihenfolge mit denselben Farben, die aber nur sehr kurze Zeit erscheinen. Sind auch diese verschwun- den, so tritt Glut ein(Wedding a. a. O. S. 893). Läfst man hierauf den glühenden Stahl langsam ab- kühlen(z. B. in heilser Asche oder an der Luft), so ist ihm nicht nur die durch das Ablöschen(8 p) künstlich erzeugte Härte wieder genommen, sondern er ist jetzt wirklich auf den Grad seinergröſsten

¹) Ich werde diesen von Schlenger gebrauchten, aber wissenschaftlich unrichtigen(s. Programm 1885 S. 9) Ausdruck der Kürze halber beibehalten.

²) Ich habe durch Proben festgestellt, dals es so der Fall ist. Zugleich haben auf meine Bitte zwei Fach- männer die Sache untersucht. Der eine von ihnen, Herr Dr. Beck, Direktor der Eisenhütte zu Biebrich, schreibt mir darüber:Ein angestellter Versuch hat bestütigt, daſs eine Stahlfeder von 9 mm Breite, nachdem derselben durch Eintauchen in Wasser in rotglühendem Zustand Glashärte erteilt worden war, durch 5 Minuten fortgesetztes Kochen in Leinöl ihren früheren(geringeren) Härtegrad nahezu völlig wiedererlangte. Während sie in glashartem Zustande von einer harten Feile nicht angegriffen wurde, geschah das nach dem Kochen in Leinöl. Und Herr Ingenieur Klönne, Besitzer einer Maschinenfabrik in Dortmund, hat mit einem etwas breiteren Stahlstücke, nachdem er es 10 Minuten lang in kochendes Öl gelegt hatte, dasselbe Ergebnis erzielt. Hiernach kann in der That das Kochen des Stahles in siedendem ôl, welches um so länger dauern mufs, je dicker und grölfser der Gegenstand ist, als ein Mittel des Anlassens betrachtet werden. Dafs es freilich einbesseres und zuverlässigeres Verfahren überhaupt nicht geben könne, werden die Techniker, speziell z. B. die Solinger Klingenfabrikanten, wie ich zu glauben Grund habe, Herrn Schlenger entschieden bestreiten. Wie es für kleinere Gegenstände angewendet wird, beschreibt R. L. Haswell bei Karmarsch und Heeren, Techn. Wörterbuch IV S. 225 f.:Hat man eine gröfsere Zahl kleinerer Stahl- objekte anzulassen, so wäre das Nachlassen auf eine bestimmte Farbe zu zeitraubend. In diesem Falle gibt man sie in einen passenden Eisen- oder Kupferkessel, bedeckt sie ganz mit kaltem 61 oder Unschlitt und stellt den Kessel über ein langsames Feuer; beginnt nun das Öl zu rauchen, so entspricht dies einer Temperatur von ca. 220°C., also der blafsgelben Farbe; erhöht man nun die Temperatur weiter, bis das Öl dunkel raucht, so entspricht es einer Temperatur von ca. 255°, nämlich der Orangefarbe u. s. w.