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u. vielen A. Doch wie Simrock richtig betont:„Mit dem Hervorziehen unserer alten Poesie ist es nicht gethan. Aus dem Schutt der Jahrhunderte in den Staub der Bibliotheken, das ist ein Schritt aus einer Vergessenheit in die andere; dem Ziele führt er nicht merklich näher. Das Ziel ist das Herz der Nation. Wenn da einst unsere alte Dichtung ihre Stätte wiederfindet, dann ist Dornröschen aus dem Zauberschlaf erweckt, dann schlägt der dürre Baum auf dem Walserfeld wieder aus, dann hängt der alte Kaiser seinen Schild an den grünen Ast, dann wird die Schlacht geschlagen, die auch die letzte unserer verlorenen Provinzen an Deutschland zurück- bringt.“ Nun, Gott sei Dank! das Herz unserer Nation ist getroffen worden, ihr Gemüth, ihre Phantasie sind aufs tiefste erregt,— jetzt sieht und ahnt das deutsche Volk erst den reichen Born seiner vaterländischen Poesie. Begabte Künstler bemächtigen sich bereits mit Vorliebe des verachteten Aschenbrödels, das sich halb entzückt, halb beschämt im königlichen Glanze an der Seite des strahlenden Königssohnes erblickt. Liebevolle, für die Traditionen unserer Väter be- geisterte Männer erschlossen dem Volke seine reichen Sagenschätze, verarbeiteten und vergeistigten die Resultate gelehrter Forschungen in neuem poetischen Gewande, führten vor Allem die Jugend in die strahlenden Hallen unserer Sagenwelt. Wir nennen hier nur Gustav Schwab(„Deutsche Volksbücher“), Osterzwald(„Erzählungen aus d. a W.*), Albert Richler(„Deutsche Heldensagen“), E. Bässler(„Heldengeschichten des Mittelalters“), Colshorn(„Deutsche Mythologie“), besonders W. Wägner(„Unsere Vorzeit“*). Directoren und Schulvorsteher verlangten aber wiederholt nach einem Schulbuch, welches das Wesentlichste aus der germanischen Mythologie enthielte; die Schul- behörden betonten auf's Neue die Behandlung deutscher Sagen. In der Hoffnung, einem solchen Bedürfniss zu entsprechen und zugleich eine Lücke in der deutschen Literatur auszufüllen, hat sich der Schreiber dieser Programmabhandlung mit dem nicht nur auf anderen Gebieten der Alter- thumskunde(„Hellas“ und„Rom“), sondern auch speciell in der deutschen Mythologie als be- währten Autor rühmlichst anerkannten Dr. W. Wägner verbunden. Ihr gemeinsames Werk liegt nunmehr als Manuscript fertig vor und wird noch im Laufe dieses Jahres im Verlage des be- rühmten Verlegers von Jugendschriften, Herrn Otto Spamer in Leipzig, erscheinen. Da sich die Verfasser jedoch vorläufig noch nicht mit der Hoffnung schmeicheln durften, dass bei der jetzt immer noch stiefmütterlichen Behandlung der deutschen Mythologie ihr Buch auf höheren Schulen angeschafft werden würde, wie ein Lehrbuch der Geschichte oder Geographie, so haben sie es mehr in Gestalt eines Lesebuches abfassen zu müssen geglaubt. Zugleich legten sie wesentliches Gewicht auf die Form und Einkleidung, einmal um auch dessfallsigen Wünschen von Mädchenschulen zu entsprechen und zugleich ein lesbares Unterhaltungsbuch zu bieten, welches das utile cum dulci verbände und wohl geeignet sei, die Lücken der Schulbildung durch Privatlektüre auszufüllen. Vornehmlich sollte ein tieferes Verständniss derjenigen deutschen Poesieen angebahnt werden, welche auf dem Boden der deutschen Mythologie wurzeln, und deren gibt es gar nicht wenige. Wenn endlich auch in der Schule Samenkörner gelegt werden können, die erst später aufgehen zu hundert- fältiger Frucht, so scheint es nicht nur kein vergebliches Bemühen, sondern im Gegentheil eine Vorbedingung zum künftigen praktischen Leben zu sein, den Schülern einen Fonds ästhetischer Anschauungen mitzugeben, die sie nachher befähigen, die Kunstwerke unserer grössten Meister mit tieferem Verständniss und vollerem Genusse zu schauen und zu höôren. Ich denke hier zunächst an die grossen musikalischen Schöpfungen, die in der Sagenpoesie wurzeln. Wenn es endlich auch erst der Hochschule vorbehalten bleiben kann, die Quellen unserer Mythologie zu studiren, die Originale selbst verstehen zu lernen, so kann sich doch kein Lehrer des Deutschen bei Erklärung so mancher Gedichte(z. B.„Erlkönig“ v. Göthe,„Wilder Jäger“ v. Bürger,„Heinzelmännchen“ v. Kopisch,„Riesen-Spielzeug“ v. Chamisso,„Getreue Eckart“,„Hochzeitslied“ und„Fischer“ v. Göthe etc.) eines näheren Eingehens in den Volksglauben und in die Mythologie unserer Vor- fahren entschlagen; kein Lehrer der deutschen Geschichte und der deutschen Literatur wird sich auch nur eine kurze Uebersicht über die Göttersagen unserer Väter schenken dürfen. Was wir aber hiervon in den eingeführten Lehrbüchern finden, ist meist recht dürftig und unzulänglich. Endlich wird kein Erklärer von Tacitus Germania— und sie wird auf vielen Gymnasien ge- lesen— dies Werk ohne gründliches Studium germanischer Mythologie sachlich richtig zu inter- pretiren verstehen. Aber auch der Interpret des VI. Buches von Caesar de bello Gallico wird es nicht unterlassen dürfen, bei der Sittenschilderung der Gallier und Germanen auf das Irrige und mit den genaueren Nachrichten des Tacitus Widersprechende in Bezug auf Religion und Mythologie hinzuweisen.


