Aufsatz 
Bedeutung germanischer Mythologie für die Schule / Jakob Nover
Entstehung
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Bedeutung germanischer Mythologie für die Schule.

Von

Dr. Jakob Nover.

Fast alle namhaften Pädagogen haben wiederholt und nachdrucksvoll auf den Werth und die Nothwendigkeit einer nationalen Jugenderziehung hingewiesen, u. a. der berühmte Diestereceg in seinem bekanntenWegweiser. Viele drücken ihr Befremden und ihr Erstaunen über die selt- same Thatsache aus, dass wir ewig und unverdrossen unsere Jugend auf jenen klassischen Boden der Griechen und Römer führen, dass wir sie vertraut machen selbst mit der Religion der Inder, Meder, Perser, Babylonier und Aegypter, von unserer eigenen vaterländischen Mythologie aber ihr kaum etwas zu sagen wissen. Wir sind weit entfernt, die Schönheiten des klassischen Alterthums, seinen Reichthum an ethischen und ästhetischen Bildungsmitteln zu verkennen. Aber sollen wir darum das Einheimische, das Vaterländische verachten? Naturgemäss führt uns die Liebe zum Vaterlande zur Ehrfurcht und Pietät gegen Alles, was unsere Vorfahren geschaffen, zum warmen Interesse für ihre Geschichte, ihre Sitten, ihren Glauben, ihre Literatur.Selbst wenn der Werth unserer vaterländischen Güter, Denkmäler und Sitten sagt Einer unserer verehrten Meister geringer anzuschlagen wäre, als wir ihn gerecht und bescheiden voraussetzen dürfen, würde doch die Erkenntniss des Einheimischen unser die würdigste und aller ausländischen Wissenschaft weit vorzuziehen sein.

Nun offenbart sich aber dem ernsten Beschauer beim tieferen Eindringen in das Studium unserer deutschen Mythen eine solche Fülle von Schönheiten, dass wir uns hierin dreist mit dem klassischen Alterthum messen dürfen. Darum wundert sich Ettmüller(Herbstabende und Winter- nächte) mit Recht, dass der Behandlung der deutschen Sagen nicht der gebührende Platz neben der klassischen Mythologie auf unseren höheren Schulen eingeräumt werde.(Aehnlich Jordan: Ep. Br. p. 194.)Lange genug haben wir unsere Römerzüge fortgesetzt, ruft auch Mannhardt in seiner Götterwelt der deutschen und nordischen Völker,mit Jubel müssen wir es begrüssen, dass eine Zeit sich vorzubereiten scheint, da der Deutsche zum eigenen Heerde wohlgefällig zurückkehrt. Hier lernt er sich selbst erkennen und sein Volk. Und welch ein Volk! Wohl dürfen wir es mit berechtig- tem Selbstgefühl bekennen, wir, die wir nur allzu geneigt waren, das Fremde zu überschätzen, das Eigene gering zu achten. Ein skandinavischer Gelehrte betont es, dass uns erst mit dem Studium der germanischen Mythologie eine Ahnung von jenem Heldenvolke aufgehe, das berufen war, die entarteten Nationen des Südens zu zertrümmern und, wie Mannhardt treffend bemerkt,ein bildender Sauerteig zu werden für die ganze Welt. Die Beschäftigung mit dem Glauben unserer Vorfahren gibt uns aber auch den Schlüssel zum besseren Verständniss so mancher Sitten und Gebräuche, die heute noch bei uns, besonders auf dem Lande, im Schwange sind, sie lehrt uns den vollen Sinn so vieler lieblichen Sagen, Legenden und Märchen begreifen, sie reisst endlich den Schleier von unseren Augen in Betreff der Entstehung des Aberglaubens und gibt uns die wirksamsten Waffen in die Hand zu seiner rationellen Bekämpfung. Und trotzdem blieb uns unsere Mythologie so lange eine terra incognita! Sollte es denn wirklich wahr sein, dass gemeiniglich das Fremde und Neue mehr Reiz für uns hat als das Eigene, Vaterländische, dass es in der Regel besonderer Hebel bedarf, das Nationalgefühl und Nationalbewusstsein in unseren Herzen zu erwecken und zu ent- zünden? Zur Ehre unserer Nation wollen wir den Hauptgrund hierfür vielmehr in der That- sache suchen, dass wir in Bezug auf unsere Mythologie nicht vor einem plastisch vollendeten Ganzen standen, wie vor dem ewig schönen Bau des klassischen Alterthums, sondern dass wir erst mühsam aus einem ungeordneten und ungeregelten Trümmerhaufen uns die Tempelhallen und Götterbilder unserer Vorfahren aufbauen mussten. Dies geschah. Gelehrte Forscher, eifrige Männer fanden sich in den Gebrüdern Grimm, in Simroch, Mannhardt, Uhland, Rasemann, Etlmüller