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könne, als indem man das Gedachte zugleich in Worte faſſe— was an ſich wohl nicht zu beſtreiten iſt— ſo koͤnne auch das Denken nur in einer beſtimmten Sprache geſchehen und zum Vehikel des Denkens eigne ſich keine Sprache mehr als die Mutterſprache, in der man von fruͤhe auf alle Begriffe in ſich aufgenommen habe. Ein Denken in fremder Sprache ſei nicht nur ein man⸗ gelhaftes, ſondern es wirke auch auf das Denken in der Mutterſprache nachtheilig ein, weil der Geiſt, der die Eigenthuͤmlichkeiten der fremden Sprache in ſich aufnehme, dieſe dann ſelbſt am unrechten Orte bei dem Gebrauch der Mutterſprache einmiſche. Man fuͤhrt auch wohl an, daß die deutſche Sprache und die deutſche Literatur zu hoͤherer Bluͤthe emporgeſtiegen ſeien, ſeitdem der ſchriftliche Gebrauch der lateiniſchen Sprache abgenommen habe.
Was dieſe Einwendung gegen die Uebungen im ſchriftlichen und muͤndlichen Gebrauch der lateiniſchen Sprache in ihrer Nichtigkeit erſcheinen laͤßt, moͤchte kurz Folgendes ſein. Schon allgemein bekannte Erfahrungen widerſprechen der Annahme, daß durch die Verſuche, lateiniſch zu denken, der Gebrauch der Mutterſprache beeintraͤchtigt werde. Unſere groͤßten deutſchen Schriſt⸗ ſteller wurden in Schulen unterrichtet, in welchen die Uebungen im Gebrauch des Lateiniſchen ſo vorherrſchten, daß ſogar die Uebungen im Gebrauch der Mutterſprache zuruͤckgeſetzt wurden. Gellert, Leſſing, Klopſtock*) und noch Viele, welche fuͤr die Entwickelung der Bluͤthezeit deutſcher Literatur thaͤtig waren, waren auf ſaͤchſiſchen Fuͤrſtenſchulen oder aͤhnlichen Anſtalten gebildet und hatten fortwaͤhrend eifrige Uebungen im Lateiniſch⸗Schreiben und Sprechen angeſtellt, ehe ſie als deutſche Schriftſteller auftraten und durch die Reinheit, Rundung und Klarheit oder auch durch die Fuͤlle, Kraft und Schaͤrfe ihres deutſchen Stils ihre Zeitgenoſſen in Erſtaunen ſetzten. Freilich muß das Talent uͤberall hinzukommen, um ausgezeichnete Werke zu erzeugen. Aber haben wohl jemals ſolche, welche ihre Uebungen im Schreiben bloß auf die Mutterſprache beſchraͤnkt hatten, ſich zu einer gleichen Virtuoſitaͤt erheben koͤnnen? Schon hieraus laͤßt ſich ſchließen, daß es einen Verfall unſerer Literatur nach ſich ziehen wuͤrde, wenn diejenigen Uebungen, welche die Haupt⸗ grundlage der Bildung fuͤr unſere ausgezeichneteſten Schriftſteller geweſen ſind, aufhoͤren ſollten, und daß diejenigen jungen Maͤnner, welche dereinſt, wenn nicht in Schriften, doch wenigſtens durch ihr Wort und ihren Geiſt, der im Wort ſeinen treueſten und kraͤftigſten Ausdruck findet, auf die Menge wirken ſollen, nicht bloß durch ſtete Uebungen in der Mutterſprache ſondern ebenſowohl durch Verſuche der Darſtellung in der alten claſſiſchen Sprache der Roͤmer zu ihrem hohen Beruf am beßten vorbereitet werden. Aber es muß ſich das Geſagte auch aus der Natur der Sache ſelbſt
» Auch Schiller und Göthe haben die Grundlage ihrer Bildung den Studien der lateiniſchen Sprache und den Uebungen darin zu verdanken.


