Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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Der 3. Morgen bot ein ganz neues Bild. Wie die wilde Jagd stieben die dichten, wallenden Nebelmassen seltsam, kaum ſeuchtend, über unsere Höhe, und oben am Waldesrand säumen sich die zarten Nebelreiſbildungen wieder an die Fichtenzweige. Die Bahn ist gänzlich verweht und muß neu eingefahren werden. Längst hört man die Rufe, die Hupen und Pleifen, ehe es schaftenhaft aus dem Nebelgrau auftaucht und gleich wieder ins Ungewisse verschwindet. Da laufes, herzliches Lachen! Es ging über die fückischen kleinen Bodenwellen, sonst leicht gemieden, mit harten Sföhen saust der Rodel, wird zum ꝗgaloppierenden Plerd, und Roh und Reiter sind getrennt. Gegen Mittag eine überraschende Erscheinung: zweimal schieht das Sonnenlicht gleißend durch einen Spalt in der wogenden Nebelwelt, gleich dem breiten Lichtkege! eines Scheinwerfers drehend vor den unbestimmten, weihlichen Massen.

Ungern wird die Mahnung zum Auſbruch gehört, mit einem dreifachen Heil fürVater Bender scheiden wir. Jede Gunst des Geländes wird beim Abstieg ausgenützt, und der eifrigste setzt sich noch einmal vor dem Bahnhof auf den Rodel, um die Landstraße hinabzufahren. Der Erfolg ist gering; resigniert schaut das Auge, ganz kindlich im Ausdruck, nach den beschneiten Höhen zurück mit dem Bergheimweh im Herzen besteigen wir den Zug. Aber Fünfzehnjährige kennen keine Sentimentalität, gebieterisch macht auch auf der Rückfahrt der Lebensdrang seine Rechte

geltend, so wie sie eben aus dem Wesen eines gesunden, zufriedenen Jungen sich auswirken.

Konrad Weidemann

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