Aufsatz 
Die Bedeutung der Gymnasial-Alumnate für die Entwicklung unseres höheren Schulwesens
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Gefahren der Erziehung der jüngeren Schüler durch die älteren.

Positive Ein-

wirkung auf

Gemüt und Mille.

Bedeutung der Lebenssphäre.

Einfluss der äusseren Umgebung.

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in andrer Hinsicht bürgt das geschilderte System die schwersten Gefahren in sich. Denn selbst die ältesten Alumnen sind keine fertigen und gefestigten Charaktere, sondern unreife Jünglinge, die von den jüngeren Knaben Gehorsam verlangen und doch selbst noch sehr unvollkommen sind, die gesetzten Ordnungen für ihre Person vielfach übertreten und dadurch die Jüngeren alle Augenblicke in die Lage versetzen, den Lehrern gegenüber lügen zu müssen, wenn sie nicht unkameradschaftlich handeln wollen. Das muß in sittlicher Hinsicht verwirrend auf die Knaben wirken. Dazu kommt, daß die älteren Alumnen die jüngeren zum Guten anleiten und erzieherisch auf sie einwirken sollen und doch zu einer besonnenen und richtigen erzieherischen Behandlung derselben naturgemäß nur in den seltensten Fällen befähigt sind und daher vielfach gewiß mehr Schaden als Nutzen stiften. Mag es daher in jenen alten Anstalten berechtigt sein, daß sie auch in solchen Dingen ihre historisch gewordene Eigenart pflegen, in neu errichteten Alumnaten muß jedenfalls eine planmäßige Beaufsichtigung und Erziehung von Schülern durch Schüler grundsätzlich ausgeschlossen und dieselbe ausschließlich in die Hände reifer Männer gelegt werden. ¹)

Was ich bisher der Alumnatserziehung im engeren Sinn nachgerühmt habe, beschränkt sich immer noch auf die negative Einwirkung, die Schleiermacher als Gegenwirkung, Wilhelm Münch als Zucht bezeichnet, d. h. auf die unterwerfende, einschränkende Tätigkeit des Er- ziehers. So wichtig diese nun aber auch sein mag, so bleibt doch die höchste Aufgabe der Erziehung stets die positive, fördernde Hilfe zur inneren Selbstentwicklung des jugendlichen Gemütes und Willens, das, was Schleiermacher Unterstützung, Münch Pflege nennt. ²) Unser Urteil über die Alumnatserziehung muß in letzter Linie davon abhängen, ob sie auch in dieser Hinsicht günstige Bedingungen bietet.

Es wird uns nicht zweifelhaft sein, daß auch hier vieles zum Besten der Internate gesagt werden kann. Sie stellen die jungen Menschen in eine Lebensgemeinschaft, die sie von früh bis spät umfängt, und die gewiß in der verschiedensten Weise fördernd auf ihr Gemüt und ihren Willen einwirken kann. Es darf hier zunächst darauf hingewiesen werden, daß man in jüngster Zeit wieder die Lebenssphäre, oder das, was Oskar Jäger als, das Naturleben der Schule bezeichnete, in seiner ungemeinen Bedeutung für die Erziehung schätzen gelernt hat. ³) Die gesamte Umwelt, in der die Knaben aufwachsen, wirkt auf Gemüt und Wille ebenso stark, vielleicht sogar noch entscheidender ein als die bewußte erzieherische Tätigkeit der Erwachsenen.

Da ist es nun doch von größter Bedeutung, daß in den Internaten die Knaben mit ihrem gesamten Dasein in eine Lebenssphäre hineingestellt werden, in der alles, was sie um sich herum erblicken, dazu bestimmt ist, sie zu tüchtigen Menschen zu erziehen, in der also alles großen und ernsten Zwecken dient. Das Gefühl dafür, daß die Jugendzeit heilig, daß die Heranbildung des jungen Geschlechtes zu wahrhaft sittlichem Denken und Handeln eine hohe, eine gott- geordnete Aufgabe ist, wird empfänglichen Gemütern schon durch die bloße Existenz der Anstalt und durch alle ihre Einrichtungen täglich aufs eindringlichste vor Augen gestellt. Schon das allein ist für die Gewinnung einer ernsten Auffassung von dem menschlichen Leben und seinen Zwecken vom größten Werte.

Und nun sind die Internate viel mehr als die weitaus überwiegende Zahl der Einzelfamilien imstande, für das ganze Leben ihrer Zöglinge eine Umwelt zu schaffen, die ihnen nur schöne und erhebende Eindrücke bietet, alles Niedrige und Verderbliche aber von ihren Blicken fernhält. Es muß hier zunächst schon die ungemeine Wichtigkeit der äußeren Umgebung hervorgehoben werden. Man weiß, wie oft die Engländer um die schöne Ausstattung ihrer durchweg auf dem Land und in anmutiger Umgebung gelegenen Schulen beneidet worden sind. Das empfand schon vor 50 Jahren Wiese bei seinem Besuch dieser Anstalten.„Wie in Oxford und Cambridge nichts so sehenswert ist wie die stattlichen Collegienhäuser mit ihren Kirchen und Kapellen, mit ihren herrlichen Gärten, Gebüschen und Grasplätzen, welches alles vereint wahre Paradiese wissenschaft- licher Muße bildet, so sind die Schulen in Eton, Winchester, Harrow, Rugby die Hauptgebäude der Stadt, die sich um jene gelagert zu haben scheint; auch von diesen hat jede ihre Gärten,

1) Borbein a. a. O. S. 70 ff. Vgl. auch Niemeyer, Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts. IV,§ 124. 2) Vgl. dazu Wilhelm Münch, Geist des Lehramts S. 155 ff. 3) Wilhelm Münch, Zukunftspädagogik S. 180 ff.