Aufsatz 
Über Resonanzschwingungen gespannter Saiten / von Dr. Heinr. Karl Müller, Gymnasiallehrer
Entstehung
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Wenn bis dahin die Resonanzschwingungen der Saiten bei transversaler Erregung(sekundäre Schwingungen) mathematisch gewürdigt wurden, so werden nunmehr in§. 4 solche Vibrationen be- schrieben, wie sie bei paralleler Erregung erfolgen, also die primären(Haupt-) und tertiären Schwingungen. Nach einer kurzen Zusammenfassung der Entdeckungen von Melde und Postula wird schon verraten, dass der Faden auch Longitudinalschwingungen ausführt. Dabei wird aber vergessen anzugeben, dass schon Postula(a. a. O. S. 16, Anm.) Verschiebungen parallel zur Faden- wohl beachtet hat, die er nur nicht mit dem unpassenden Namen„Longitudinalschwingungen“ belegt.— Nachdem Meldes scharfsinnige Erklärung von dem Zusammenhang der Hauptschwing- ungen mit den Nebenschwingungen wiedergegeben worden ist, zählt Herr Elsas eine Reihe von „Bedenken“ gegen Meldes Ansicht auf. Aber Herr Elsas ist weit entfernt, seine Bedenken durch ausgedehntere Versuche und weitere Studien zu stützen, oder gar Meldes Erklärung durch eine andere zu ersetzen. Doch wollen wir uns diese Bedenken etwas näher ansehen!

Schon der erste Punkt verrät, dass bei Elsas nicht einmal Klarheit über die Wirkungsweise der Bewegungskomponenten herrscht. Wer hat behauptet, dass die Parallelkomponente der Gabel bei den Nebenschwingungen ganz umwirksam sei? Dass sie keine deutlichen Transversalschwing- ungen erzeugen kann, erklärt sich aus den Spannungsverhältnissen. Keineswegs hat Postula den Einfluss derselben bezüglich der Parallelverschiebungen des Fadens unterschätzt.

Ad 2. Bei der gewiss merkwürdigen Thatsache, dass die Nebenschwingungen oft nicht in der Ebene der Transversalkomponente, vielmehr bald horizontal, bald vertikal erfolgen, hätte zunächst erwähnt werden müssen, dass diese Erscheinung auch bei Hauptschzwingungen vorkommt, bei denen dieselbe doch ebenso auffallend erscheint als bei jenen und zur Erklärung herausfordert. Herr Elsas sieht nicht, dass das Phänomen mit geringen Spannungsveränderungen zusammenhängt. Melde fand bereits, dass die Schwingungsebene der Hauptschwingungen gewöhnlich vertikal oder horizontal ist, dass sie aber auch oft in einer mittleren Stellung schwankt oder gar rotiert. Eine kleine Regulierung der Spannung aber legt die Schwingungsebene fest. Sie stellt sich vertikal, awenn die Spannung etuas schwächer, horizontal wenn letztere wenig stärker wird. Ist die äussere Spannung in dieser Weise geändert, dann kann auch eine Anderung der Amplitude der Stimmgabel die Lage der Schwingungs- ebene nicht stören. Lässt man aber die äussere Spannung unverändert, so kann man durch Ver- änderung der Amplitude des Erregungscentrums(kräftigeres oder schwächeres Streichen) ebenfalls die Vibrationsebene festlegen. Die grössere Amplitude erzeugt die horizontale, die Meinere die ver- kikale Lage. Unter ganz ähnlichen Umständen treten Schwankungen in der Ebene solcher Wellen ein, welche unter dem Einfluss der transversalen Komponente entstehen. Wenn die Spannung nicht genau getroffen oder durch geeignetes Streichen der Gabel geregelt wird, so dreht sich die Ebene um die Fadenaxe. Geuöhnlich aber gehen die Schwingungen der Transversalstellung in der Ebene der Transversalkomponente vor sich. Das musste doch Herr Elsas, wenn auch nicht durch eigene Versuche, so doch aus Meldes oder Postulas Untersuchungen wissen. Die vertikale Trans- versalkomponente ist ja nach Postula sehr klein und wird an und für sich selten eine Anderung hervorrufen. Ganz so ist es auch in der Parallelstellung, wo hauptsächlich nur durch die grösseren Spannungsänderungen von Seiten der Parallelkomponente häufigere Schwankungen in der Ebene

der Nebenschwingungen vorkommen. Es bleibt also übrig, zu erklären, wie kleinere Spannungs- 4