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Ausdruck zu bringen, was in so vielen lebt, die hier zu unserem Feste vereinigt sind. Aus berufene- rem Munde wird die Bedeutung der Anstalt Ihnen dargelegt werden, die durch ein Jahrhundert ihrer Devise:„Für Aufklärung und Humanität“ treu geblieben ist. Was Generationen ihr verdanken, das lusst sich nicht zusammenfassen in wenige Worte. Wie sie durch ein Jahrhundert einen Faktor bildete in dem Geistesleben dieser Stadt, so zeigte sich auch der Erfolg ihrer Arbeit in dieser Stadt und weit über ihre Grenzen hinaus. Auch sie hat in Gemeinschaft und in edlem Wettbewerb mit den an- deren Bildungsanstalten, die aus dem fruchtbaren Boden des Frankfurter Gemeinsinnes erwachsen sind. gewirkt für die Erziehung der Jugend zum Guten, für Bildung und für Veredlung, für Duld- samkeit und allumfassende Menschenliebe. Diese Festesstunde legt Zeugnis dafür ab, dass ihre Arbeit nicht verloren war.
So möge denn die Jahrhundertfeier des Philanthropins beginnen, den Aelteren zur Erinnerung, den Jüngeren zur Nacheiferung, uns allen zur freudigen Erhebung.“
Hierauf ergriff Herr Direktor Dr. Adler das Wort zu folgender Festrede:
„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.“ Bei der Erinnerungsfeier, die uns heute festlich vereint, sei dqas erste meiner Worte dem Andenken Siegmund Geisenheimers geweiht, der vor nun 100 Jahren das Philanthropin ins Leben gerufen hat; indem wir sein Wort in uns lebendig werden lassen, indem wir die Ideen, die ihn erfüllten und zu dieser seiner Tat führten, uns ins Gedächtnis rufen, bringen wir den Manen des unvergesslichen Mannes den würdigsten Dank dar.
In eine geistig bewegte Zeit fällt Geisenheimers Jugend; das Höchste, was der Mensch sich denkt, zeigt sich in ihr, um ein Goethesches Wort zu gebrauchen, nah und erreichbar. Die Idee von dem„Recht, das allen gemein ist“, beginnt ihren Siegeszug durch alle Lande; für Aufklärung und Humanität, für Würdigung des Menschen als Menschen ohne Rücksicht auf Herkunft und Glauben treten erleuchtete Dichter und Denker in den Plan. Der grosse Lessing, in Gedanken und Worten vergleichbar den gewaltigen Propheten, verkündet das höchste Ideal, nach dem die Menschheit zu streben hat, die allgemeine Menschenliebe, die gegenseitige Achtung und Duldung, und macht in seinem„Nathan“ einen Angehörigen des verachteten Judentums zum Träger dieses. Ideals; ein Jude. Moses Mendelssohn, unternimmt die wissenschaftliche Begründung dieser neuen Welt- und Lebens- anschauung und wird dann, als auch er— wie der erste Mose— gross geworden, der Führer seiner Glaubensgenossen; er erschliesst ihnen eine neue Kulturwelt, er zeigt ihnen in seiner eigenen Persönlich- keit, wie die Anhänglichkeit an der Väter Glauben sich mit moderner Bildung harmonisch verschmelzen lasse, er zeigt allen Andersgläubigen, wie der verspottete und misshandelte Stamm, wenn man ihn nur teilnehmen lasse an den Segnungen der Kultur, zum Segen werden könne der Menschheit wie zu jenen Zeiten, als er ihr die Erkenntnis Gottes brachte. Ein warmer. voller Strom edelster Menschen- liebe dringt in alle Seelen und pefruchtet alle Gebiete menschlichen Schaffens und Ringens; zu besonderer Wertung gelangt er auf dem Gebiet der Jugenderziehung, die philanthropinistische Bewegung wird durch ihn angefacht, die die Menschen im einzelnen und die Menschheit im ganzen durch eine naturgemdsse Erzichung zur Glückseligkeit führen will. Allgemeine und allgemein mensch- liche Erzichung, Berücksichtigung des für das Leben Nützlichen bei der Erziehung, eine möglichst angenehme„lusterregende“ Methode— diese Grundsätze des Philanthropinismus finden in den gebil- deten Kreisen warme Aufnahme, in den Judengassen der deutschen Städte begeisterte Zustimmung; der jüdischen Jugend, die bisher inmitten starrer Anschauungen in einer lediglich den Verstand berücksich- tigenden Erziehungsweise aufgewachsen ist, erscheint die neue Erzichungsmethode mit dem Drinzip der Humanität, auf dem sie sich aufbaut, mit der Würdigung der Phantasie und des Gefühls, die ihr eigen ist. als göttliche Offenbarung, der sie andachtsvoll lauscht, und die sie mit voller Inbrunst in sich aufnimmt.
Freilich, wie der Philanthropinismus nur den besseren Ständen zu gute kam, so übt er auch in der Judengasse seine Wirkung nur auf die wohlhabenderen Kreise, die durch Privatlehrer moderne Bildung erwerben können; die grosse Masse bleibt von der neuen geistigen Strömung unberührt und verharrt nach wie vor in der strengen Abgeschlossenheit, in der sie seit der unsagbar traurigen Zeit. die für die Juden nach den Kreuzzügen anhobt, lebt. Ihre Führer betrachten jede andere Beschäftigung


