— 27—
der Raute ſproſſen neue Blätter,„und ſtirbt mein Liebſter, ſo kommt ein andrer“(77). Sie iſt aber charakteriſtiſch: der Naturmenſch geht nicht leicht über die Schranke, in welche er ein⸗ mal hineingeſtellt iſt, hinaus. Der Familienſinn, die Familienliebe nimmt im Gemüt des Litauers die erſte Stelle ein, und ſchneidiger läßt es ſich nicht ausdrücken, daß die Liebe zwiſchen den beiden Geſchlechtern jener untergeordnet ſei, als durch die erwähnte Daina. Dennoch iſt es in einigen Liedern umgekehrt. Aber es klingt das hinein in dieſe ſicher und feſt in ſich ge⸗ ſchloſſene Welt, wie ein neuer Ton, wie zerſetzender und auflöſender Subjektivismus. Niemand z. B. kommt zu dem von Waſſerwogen umbrauſten Mädchen; die ihrigen ſtehen ſchwankend jenſeits des Haffs, nur der liebe Knabe ſcheut nicht die Gefahr(125). Oder: der junge Burſche auf dem Felde weiſt die Schweſter, die ihm das Morgenbrot bringt, zurück; nur aus den Händen der Geliebten will er es eſſen(129). Und welche Bitterkeit klingt aus den Worten des dem Tode entgegengehenden Mädchens(369):„nicht wird mich's ſchmerzen um Vater, Mutter; nur ſchmerzen wird mich's um meinen jungen Knaben.“ Aber die Verbitterung des jungen Herzens iſt begreiflich:„ſie wollen trennen treue Liebesbande.“ Sonſt halten die Bande der Familie feſter als die der Liebe. Wir finden mehrmals eine wahre Rangordnung in der Stärke dieſer Gefühle(350): um den mit dem Pferde Verunglückten klagen*)„die Braut zu Füßen, zu Haupt die Schweſter, die Mutter an dem Herzen“; die Braut folgt bis zum Thore, die Schweſter bis zum halben Wege, bis ans Grab die Mutter; die Braut trauert drei Wochen, die Schweſter drei Jahre,„die liebe Mutter, die mich erzogen, ihr ganzes langes Leben.“
Es entſpricht dieſer Familienſinn dem überall in Sprache, Anſchauung und Sitte bemerkbaren litauiſchen Konſervativismus. Die Familie iſt das Urſprüngliche und Er⸗ haltende, in ſie wird der Menſch von der Natur hineingeſtellt, der Gegenſtand ſeiner individuellen Wahl muß dagegen zurücktreten, wenn das Individuum ſich noch nicht aus der Allgemeinheit, aus den gegebenen natürlichen Verhältniſſen herausgearbeitet hat. In den litau⸗ iſchen Dainos zeigt ſich das Individuum höchſt ſelten ſo erſtarkt, daß es ſein eigenes Fühlen jenen als etwas Beſonderes entgegenſetzen könnte. Freilich ſeine Befreiung, der nächſte Schritt zur Fortentwicklung, kündigt ſich ſchon hier und da an im Auflehnen gegen das Gegebene, gegen alte Sitte und Anſchauung, im Ungehorſam gegen die Eltern. Aber bezeichnend genug endet dieſes ſeltene Auflehnen tragiſch. Das Mädchen, das ſich um des Geliebten willen losſagt von Eltern und Geſchwiſtern, kommt im Elend um; ihr grünes Kränzchen liegt auf der Straße,„von Schnee und Reif befallen und ganz benetzt von Thränen“(359). Iſt doch der erſte Durchbruch der Individualität in der Geſchichte jedes Volkes eine Tragödie von Blut und Thränen— bis der Sieg entſchieden iſt; und dann ſind die Vertreter des Alten die tragiſchen Helden, tragiſch ſelbſt in ihrer oft unvermeidlichen Komik. Dieſen Verlauf ſehen wir in faſt ideal typiſcher Weiſe in der Entwicklungsgeſchichte des griechiſchen Geiſtes und ſpeziell der griechiſchen Lyrik(Kallinos — Archilochus). Soweit kam es aber mit unſeren Litauern noch nicht.
Das innige Verhältnis zwiſchen Mutter und Tochter tritt in dem Familienleben der Dai⸗ nos in den Vordergrund, wie natürlich in einer Poeſie, an der die Frau hervorragenden Anteil hat, und bei einem Volke, bei welchem das Sprichwort geht: eine Mutter kann neun Kinder mit der Nadel ernähren und der Vater auch mit ſechs Roſſen nicht eines(Schleicher a. a. O. 173). Wenn die Beziehungen zwiſchen Bruder und Schweſter weniger plaſtiſch vor uns treten, ſo hat es darin ſeinen Grund, daß dieſe Beziehungen nicht ſo naturgemäß notwendig ſind. Nur das Notwendige wird plaſtiſch. Die Situationen, die ſich aus dem Verhältnis von Bruder und Schweſter ergeben, ſind zufälliger: daß der Bruder in den Krieg zieht, und die trauernde Schweſter am Eſchenwalde vergeblich auf ſeine Rückkehr wartet, iſt tief poetiſch, aber nicht ſo naturgemäß notwendig, wie das Jammern des Mädchens, das am Abend des Hochzeitstages die Mutter und die Stätte ſeiner Jugend verlaſſen muß. Aber inniger und tiefer ſind in den Dainos die ſeeliſchen Beziehungen auch zwiſchen Mutter und Tochter nicht. Kaum iſt eines der unter Menſchen möglichen Verhältniſſen von der eigenartigen Zartheit und Innigkeit, wie das zwiſchen Bruder und Schweſter. Die Liebe zwiſchen beiden hat das Edelſte, Reinſte und Heiligſte aus der Familienliebe und der Liebe zwiſchen den beiden Geſchlechtern in ſich vereint, und der
*) Ueber die rührenden Totenklagen, raudos, Lepner 148, Prätorius 102.—


