Aufsatz 
Cruces Philologicae. Beiträge zur Erläuterung der Schulautoren / von Theodor Maurer
Entstehung
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höhle. Wie Polyphem in Gegensatz tritt zu Odysseus, leiblich ein Riese, geistig ein Knirps gegen ihn, so muss dieses selbe Kyklopenthum in seiner Unkultur die Folie werden für das Hochgefühl des griechischen Seevolks in seiner Culturarbeit.

Da liegt ein Eiland, dem Sidler herrlichen Ertrag versprechend:

v. 131.Gut ist der Boden und trüge wohl Alles zu richtigen Zeiten. Nahe des schäumenden Meeres Gestaden liegen berieselt Wiesen mit saftigem Grase; die Rebe versagte wohl niemals; Leicht ist pflügbar der Grund; allsommerlich gäb' es da dichte Saaten zu mähen, so tief ist des Bodens fruchtbare Schwarte. Sichere Lage gewährt ein Hafen: ohne Vertauung, Ausgeworfenen Stein und strandfest haltendes Steertseil Bugt man nur auf am Gestad' und pleibt. bis weiter zu segeln Lust der Schiffer bekommt und förderlich wehen die Winde. Klüften am felsigen Rand des innersten Hafens entrieselt Glitzernd ein Born, und ringsumher sind Erlen gewachsen.

Und dieses herrliche Eiland, zur Besidelung einladend, es liegt:

v. 116.Weder zu nah noch zu fern von der Bucht des kyklopischen Landes, aber trotzdem

v. 122.Niemals beackert, besät, verbleibt's, was es immer gewesen, Menschenverlassene Oede und nährt nur meckernde Ziegen. Und warum das?

v. 125.Weil's den Kyklopen gebricht an rothgeschnäbelten Schiffen, Auch an Meistern der Kunst, ein wohlberudertes Fahrzeug Ihnen zu baun, mit welchen sie dann zu den Städten der Menschen Hinzugelangen und Alles auch sich zu verschaffen vermöchten, Was über See und Schiff der Eine dem Anderen zuführt. Solche hätten sich dann auch dieses Eiland vermuthlich Bald in bestelltes Land mit gesegneten Fluren verwandelt. (Uebersetzung von W. Jordan.)

Indem der Dichter mit dieser Schilderung uns den Triumph der Culturleistung des Menschen zu Gemüth führt, hat er uns stillschweigend den Schlüssel zum Verständniss des nachfolgenden Kyklopen- abenteuers in die Hand gegeben. Wie wir somit hoffen, das poetische Motiv unserer Schilderung ins Licht gestellt zu haben, so ist damit gleichzeitig auf die hohe culturhistorische Bedeutung der

Stelle zur Charakteristik der eigenen Zeit des Dichters mit ihren Tendenzen aufmerksam gemacht. (Vergl. 4. Anm.) ¹)

1) Wir möchten hier, wie bei der vorhergehenden Stelle, nicht missverstanden sein, als dächten wir, der Dichter habe mit derselben Klarheit sich über sein Schaffen Rechenschaft gegeben, wie etwa Schiller, wenn er von seinen Balladen, wie dem Kampf mit dem Drachen oder der Bürgschaft bekennt, imdeutlichen Bewusstsein seiner freien Kunstfertigkeit,beinahe nach Principien erfunden zu haben. Es gilt bezüglich solcher Stellen Homers, wie namentlich die letzte, etwas Verwandtes mit dem, was Vilmar von gewissen Gedichten Schiller's sagt: Es ist eine abgedroschene Phrase,der Künstler habe sich selbst übertroffen, für diese Gedichte aber ist diese Phrase keine Phrase, sondern die allerbuchstäblichste Wahrheit: weit über sich selbst hinaus, weit über den An- schauungskreis seiner ganzen Zeit hinaus, weit hinaus in Regionen, die Schiller der Mensch niemals geschaut hat, erhebt sich hier Schiller der Dichter, das alte Wort grossartig und fast rührend erfüllend, dass der Dichter ein Weissager ist und von göttlichem Geiste getrieben. Es bedurfte abseiten des Intellects für den Dichter an unserer Stelle kaum mehr Verständniss für die Culturaufgabe des Menschen, als etwa der Verfasser der Genesis verräth, wenn es 1, 28 heisst:Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch unterthan u. s. w. Die dichterische Verwerthung dieses Ge- dankens ist ganz Sache des instinctiven Waltens des Genius.