Aufsatz 
Cruces Philologicae. Beiträge zur Erläuterung der Schulautoren / von Theodor Maurer
Entstehung
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VI.

Mag die vorige, in Form eines didactischen Excurses gehaltene Interpretation zugleich als Einleitung zur Besprechung einer anderweitigen Stelle gelten, wir meinen die Schilderung der sogenannten„Ziegeninsel“ ¼ 116—141.

Dieselbe erschien uns gelegentlich der Lectüre des Buches in der Classe sich zur Verwendung für den deutschen Aufsatz zu empfehlen. Bei näherem Erwägen der Aufgabe drängte sich uns zum erstenmale die Frage nach der künstlerischen Berechtigung dieser ausführlichen Schilderung gerade an unserer Stelle auf. Nachdem wir uns im glücklichen Besitz der Lösung glaubten, gingen wir auf die Suche, ob die gleiche Frage mit ihrer Antwort etwa schon anderweitig aufgeworfen, beziehungsweise gegeben worden. Dass die gebräuchlichen Schulcommentare hier schwiegen, konnte uns nicht befremden. Aber richtig, Wilhelm Jordan, in seinen geistvollen Anmerkungen, die er seiner Odysseeübersetzung angehängt, hat sich dieselbe Frage aufgedrängt, und die verzweifelte Vermuthung, die er als Antwort wagt, zeugt für das Gewicht der Frage. Er sagt dort:„Es ist sehr auffällig, dass dieser Ziegeninsel eine liebevoll eingehende landschaftliche Schilderung, fast wie der Insel der Kalypso und dem Garten des Alkinoos gewidmet wird, ohne dass dafür, wie in diesen beiden Fällen, ein poetisches Motiv ersichtlich oder damit eine in dieser Scenerie spielende bedeutsame Handlung vorbereitet würde. Ich vermuthe daher, dass ein Stück darauf bezüglicher Erzählung verloren gegangen ist. Die deutliche Tendenz der Schilderung ist, ein Bedauern zu wecken, dass ein mit allen Eigenschaften zum ergiebigsten Acker- und Gartenbau so gesegnetes und dazu mit vortrefflichem Hafen versehenes Stück Erde, menschenleere Einöde bpleiben solle. Damit könnte etwa vorbereitet gewesen sein ein Seitenstück zu dem Lotophagenabenteuer, ein von Odyss mühsam überwundenes Gelüst seiner, der Irrfahrt müden Mannschaft, sich lieber in diesem kleinen Paradiese anzusideln, als sich weiteren Gefahren auszusetzen in der ungewissen Hoffnung, nach dem rauhen Ithaka zurückzukehren.“ In der That, die Tendenz der Schilderung, ein Be- dauern zu wecken, ein solch gesegnetes Eiland der Uncultur überlassen zu sehen, ist unverkennbar. Man vergleiche damit nur die ganz verwandte Schilderung des Kaer dunfy und ihrer Tenden⸗

Und später, wenn wirklich Odysseus sich ihm zu erkennen gibt, beruft er sich etwa auf diese bedeutsame„Legi- timation“, welche die Tendenz unserer ganzen Stelle sein soll und deren Augenzeuge Eumäus ja gewesen? Nicht mit ceinem Worb: Odysseus weist sich auch den treuen Dienern aus als der er ist, wie ihn Eurykleia zuerst daran erkannt, durch seine Narbe von einem Eberzahn,& 217 ff. Oder bedarf Odysseus vor sich selbst und vor dem Leser einer solchen Legitimation? Allerdings, nur nicht wie Brunn meint, dass er„der Herr des Hauses“ ist, sondern dass er der„liebe Herr“ geblieben.—

Noch ein Wort, wodurch ebensosehr die Schwäche der Brunn'schen Deutung ins Auge springt, wie die unsere dadurch geschützt wird vor dem etwaigen billigen Vorwurf der Sentimentalität seitens der Ober- flächlichkeit schulmeisterlicher Vertrocknung. Wie sehr die Scene von dem Dichter als eine rührende empfunden und gedacht wird, beweisst die Haltung seines Helden v 304: ααο voαρρ☛ εν αeμοεα Jõνςν dεεα αάννν Eöudds. Wie„verdammt gescheut“ nimmt sich daneben die Brunn'sche Bemerkung aus über des Dichters„Recht, ja Pflicht“, nach der Erkennung den Hund sterben zu lassen! Mag unsere Auffassung auch dieses Moments, wie die der ganzen Scene oben durch die Erinnerung an Christi Wort bei seinem Einzug in Jerusalem, sich kennzeichnen durch Anziehen eines anderen Bibelwortes; es ist der Ausspruch des alten Simeon im Tempel:„Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“. Das Sterben des Hundes Argos ist so sehr nothwendiger Zug des„Rührenden“ unserer Scene, dass ein„was dann?“ auf den Fall seines Weiterlebens für den Dichter ganz ausser Betracht blieb.

Bedürfen wir eines weiteren Zeugnisses, als des einfach schönen Schlusswortes dieser Scene:

„Aber den Argos ergriff das dunkle Todesverhängniss, Als den Odyss er eben erblickt im zwanzigsten Jahre.“—