Begriffsbeftimmung und gejchichtlicher Überblick bis zum Sturm und Drang.
Veit Balentin!) bezeichnet den Naturalismus als„die Richtung in der Kunft, die eine ihrem Weien nach bildliche Darjtellung jo geftaltet, daß diefe fir die Sache jelbft genommen werden foll“, e8 ift die„rohefte*, man kann auch jagen: die primitivfte Art der Kumft- Ihöpfung. Gleichwohl Liegt etwas DBeftechendes, Verführerifches in dem Begriff. Ohne Natur gibt e3 feine Kunft, alfo je mehr Natur, defto mehr Kunft. Die Schlimme Einfeitigkeit diefer Auffaffung erhellt jedoch aus folgendem: In fämtlichen Wörtern mit dem Suffir-ismus drüct diefed eine ausgefprochene Hinmeigung zu etwas, häufig das Eingejchtworenfein auf eine Anficht, alfo Leidenfchaftliche Mebertreibung aus. Der extreme Naturalismus will, nicht num die Natur wiedergeben oder„nahahmen“, da3 wäre nichts fo Bedenfliches, fondern um feine Theorie ja zu Ehren zu bringen, fucht er gefliffentlich die„Natirlich- feiten“ heraus, fieht in der großen Natur ımd in der Natur des Menjchen nur das Widerliche, Efelerregende. Die Zeit ift fo ziemlich vorbei, wo jedes Bühnenftüd von Alkoholifern, geiftig Minderwertigen, Stieffindern des Glüds, Verkannten, nerbös VMeberreizten, die nicht wiffen, was fie wollen, Gernegroßen, von Übermenjchen wimmeln mußte um einem gewilfen Gejchmade entgegenzufommen; aber diefe Geifter der Entartung Laffen fich nicht Yeicht bannen. Der Naturalismus feiert in Mufifdramen, verbunden mit raffinierter Technik, einen hoffentlich furzen Spätherbft. Demgegenüber ift zu bedenken: Gibt e8 in der großen Natur nicht auch neben widerlichen Anblicen jchöne, erhabene Schaufpiele, Frühlingslandichaften und Sonnenaufgänge? St der Mensch wirklich jo verfommen, daß er nur mehr einer Beftie gleicht? Im Gegenteil, oft in dem wirklichen Stieffinde, jelbft in dem DVer- brecher find noch Nefte eines höheren Lebens vorhanden. md erjt
N) Der Naturalismus und jeine Stellung in der Kunftentwielung, Kiel und Leipzig 1891, Lipfins und Tiicher.


