Die Lehre vom Gedächtnis mit beſonderer Berückſichtigung der kindlichen Entwicklung von
Dr. Adolf Mannheimer.
Einleitung.
Das Gedächtnis iſt die Grundlage der geiſtigen Entwicklung, ſowohl des Menſchengeſchlechts im allgemeinen, als der Entwicklung des Einzelnen im beſonderen. Ohne das Gedächtnis beſtünde das Bewußtſein nur aus zuſammenhangsloſen Bruchſtücken, gäbe es keine Verbindung der einzelnen Sinnes⸗ wahrnehmungen, keine Sprache— denn kein Bewußtſeinsakt würde als der nämliche erkannt und als den nämlichen Zwecken dienend wie ein früherer.
Das Gedächtnis bewahrt und verbürgt gleichſam unſer geiſtiges Eigentum, von ſeiner Treue, von ſeiner Sicherheit, von ſeiner Schnelligkeit, mit welcher es uns zu Dienſten ſteht, hängt im Verein mit den Leiſtungen des Verſtandes unſer geiſtiges Daſein ab. Wenn nicht alles, was wir wahrnehmen, ſei es durch zufällige oder abſichtliche Wahrnehmung, durch eigene Belehrung, durch den Unterricht unſer Eigentum werden könnte, ſo müßten wir immer von neuem und von dem allererſten Anfang her unſere Denkthätigkeit beginnen und müßten immer denſelben Denkakt mit denſelben Schwierigkeiten durchmachen wie das erſte Mal. Das Gedächtnis erneuert ſelbſt das, was gänzlich für uns verloren ſchien, oft mit größter Schnelligkeit, wenn nur eine leiſe Anregung oder eine einmalige Wiederholung ſtattgefunden hat. Wie raſch erneuert ſich in uns die Kenntnis einer Sprache, die wir lange nicht geſprochen und anſcheinend vergeſſen haben, bei kurzer Wiederholung. Oft wenn wir glauben jeder Erinnerung an ein Ereignis verluſtig zu ſein, bedarf es nur der Erwähnung eines einzelnen Vorgangs, eines einzelnen Merkmals, und das Ereignis ſteht mit voller Lebendigkeit und Friſche vor uns.
Doch nicht allein das, was wir unſer geiſtiges Eigentum nennen, was wir durch Umgang, Er⸗ fahrung und Belehrung erworben haben, und worüber wir nach unſerm Können und Wollen verfügen, ſteht unter dem Einfluſſe des Gedächtniſſes und fällt unter dieſen Begriff. Alle Verrichtungen des täglichen Lebens, alle unſere Handlungen ſtehen in Bezug auf Vergangenes und ſie würden der Plan⸗ mäßigkeit, Sicherheit und Beſtimmtheit völlig entbehren, wenn dieſe Beziehung auf Vergangenes nicht vorhanden wäre.
Die Erneuerung eines Vergangenen in unſerem Bewußtſein hat die mannigfachſten Formen und Abſtufungen, die denkbar verſchiedenſten Verbindungen. Der Traum, die Phantaſieen eines Kranken, die zuſammenhangsloſen Worte eines Unglücklichen, bei welchem eine andauernde Störung des regelmäßigen Verlaufs des Denkens eingetreten iſt, fallen nicht minder unter die Erſcheinung der Erneuerung eines Denkinhalts als etwa die Verbindung der Vorſtellungen, die der Gebildete aus der Lektüre einer bedeutenden Dichtung ſchöpft, zu einem harmoniſchen Ganzen. Und auch der Sprachgebrauch zeigt die


