Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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zu verfahren, da andernfalls ihr Leben gefährdet ſei. Waren ſie doch noch immer Gefangene des Aus⸗ ſchuſſes, und wenn man ihnen auch jetzt etwas freiere Bewegung geſtattete, ſo wurden ſie doch noch auf Schritt und Tritt von bewaffneten Bürgern begleitet. Nur um loszukommen, unterſchrieben ſie, vor⸗ behaltlich höherer Beſtätigung, alle von den Aufrühreriſchen geſtellten Forderungen. Zu dieſen gehörte auch,daß man alle der Plünderung verdächtigen Handwerker nicht durch unzeitiges Vorfordern noch mehr aufwecke, ſondern ſie ungeniert an ihrer Arbeit laſſen ſolle, und daß ſieden ganzen Verlauf der Dinge ihren Herren fideliter alſo referieren ſollten, daß ſich die Bürgerſchaft deſſen zu erfreuen haben möge.

Als die endlich befreiten Subdelegierten nach Aſchaffenburg abreiſten, gaben ihnen der Rat und der Ausſchuß Schreiben an die Kommiſſarien mit. Der Rat ſuchte das Geſchehene mit ſeiner völligen Ohn⸗ macht zu entſchuldigen; der Ausſchuß erging ſich in Friedensverſicherungen und Ergebenheitsbezeugungen und erwähnte nebenbei auch, daß er die Subdelegierten gelegentlich eines Auflaufes in der Judengaſſe in ſeinen Schutz genommen habe.

Die Kommiſſarien ließen Rat und Zünfte nicht lange in Ungewißheit darüber, wie ſie die Ereig⸗ niſſe beurteilten. Sie beſchuldigten nicht allein die Geſellen, ſondern auch deren Meiſter und den größeren Teil der Bürgerſchaftmit etlichem Geſindel die Gaſſe feindſelig und friedbrüchiger Weiſe überfallen, Thür und Thor, Kiſten und Kaſten zerſchlagen zu haben u. ſ. w. Deswegen behielten ſie ſich noch alle gebührenden Ahndungsmittel vor, auch der Kaiſer werde ſchon, was ſeines Amtes ſei, walten. Einen weiteren Grund zur Erbitterung gegen die Bürgerſchaft hatten die Kommiſſarien durch die am 5. September erfolgte Ernennung von dreiundzwanzig neuen Ratsherren(Interimsräten), deren Wahl der Ausſchuß auf Weitzens und Fettmilchs Drängen durchgeſetzt hatte, anſtatt daß endlich die alten Ratsmitglieder wieder ihre Sitze erhielten, wie es Mathias verlangt hatte.

Es verging immerhin geraume Zeit, bis der Kaiſer durch ſeine Kommiſſarien von der Plünderung der Judengaſſe und der Wahl der neuen Ratsherrn unterrichtet wurde. Doch bedurfte es gar nicht erſt der Kunde von dieſen beiden Gewaltthaten, um endlich das Maß ſeines Zornes zum Üüberfließen zu bringen. Bereits am 4. September that er Vincenz Fettmilch, Konrad Gerngroß und Konrad Schopp in die Reichsacht, ſamt denjenigen, welche ihnenVorſchub, Beifall, Beherbergung, Unterſchlupf und Aufent⸗ halt geben würden.

Aber ſo ſehr ſtand noch der Rat unter dem Banne Fettmilchs und ſeines Anhangs, daß er nicht einmal wagte, das Ächtungsdekret nach des Kaiſers Befehl öffentlich anſchlagen zu laſſen, geſchweige denn, es zu vollſtrecken. Da erkannten die Kommiſſarien, daß nur ein direktes Einſchreiten ihrerſeits den auf die Bürgerſchaft ausgeübten Terrorismus zu brechen vermöge. Am 24. Oktober forderten ſie nochmals im Namen des Kaiſers die Zünfte und Geſellſchaften auf, bei Strafe der Reichsacht zuparieren und ver⸗ liehen dieſem Befehl dadurch mehr Nachdruck, daß ſie unnachſichtig jeden Frankfurter Bürger verhaften ließen, der außerhalb der Stadt ohne Paritionsſchein betroffen wurde. Es zeigte ſich alsbald, daß der Widerſtand gebrochen war. Eine Zunft nach der andern parierte, und die Häupter des Aufſtandes waren in kurzer Zeit ganz iſoliert. Aber noch war der an ihren Namen geknüpfte Schrecken zu lebendig; es wagte keiner, Hand an ſie zu legen. So galt es als ein Zeichen hervorragenden Mutes, als am 27. November der Ratsherr Hans Martin Bauer Fettmilchs Verhaftung ins Werk ſetzte. Von einigen beherzten Männern begleitet, drang er in das Wirtshaus ein, wo dieſer mit mehreren Genoſſen zechte. Ehe noch Fettmilch eine geladene Piſtole aus ſeiner Bruſttaſche hervorziehen konnte, überwältigte ihn Bauer und ließ ihn gefangen nach dem Bornheimer Turm bringen. Zwar gelang es einem Pöbelhaufen, ihn zu befreien, und er warf ſich mit einigen der ihm treu gebliebenen in ſein Haus, wo ſie ſich