Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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und jeder einzelne beharrte dabei, daß die Berichte der Judenſchaft an den Kaiſer niemals von der Wahrheit abgewichen ſeien. So hatte der Rat wenig Grund, mit dem Ergebnis der Verhöre zufrieden zu ſein, und hat die Protokolle wohl ſchwerlich dem Kaiſer eingeſchickt.

Inzwiſchen waren mehrere Wochen ſeit Eintreffen der reichsſtädtiſchen Geſandten verſtrichen, und am 27. März legten ſie als Ergebnis ihrer Unterhandlungen dem Rat und den Zünften den nochmals überarbeiteten Bürgervertrag zur Beſtätigung vor. Auffallender Weiſe waren ſie über die Judenfrage mit einigen nichtsſagenden, inhaltsloſen Redensarten hinweggegangen. Dies benutzten die Häupter des Aufſtandes als Vorwand, das Friedenswerk zu Fall zu bringen. Daß ſie nach der Beilegung der Zpiſtigkeiten einer reichen Einnahmequelle verluſtig gehen würden und aller Machtſtellung beraubt, wieder in der Menge unter⸗ tauchen müßten und der Rache ihrer Gegner preisgegeben wären, ſtand ihnen als Schreckgeſpenſt vor Augen. So lehnten auf Fettmilchs Anſtiften 26 Zünfte und auch einige Geſellſchaften den neuen Aus⸗ gleichsvertrag ab. Als die Geſandten von ihren Vermittlungsverſuchen nicht abließen, ſtieß Fettmilch ſo heftige Drohungen gegen ſie aus, daß ſie, um ihre perſönliche Sicherheit beſorgt, die Stadt eiligſt verließen. Mit ihnen war die letzte Hoffnung auf einen friedlichen Ausgleich geſchwunden. Die ohnedies ſchon ſtark gelockerten Bande des Gehorſams löſten ſich vollends. Die wenigen Beſonneneren, die bis dahin hin und wieder einigen Widerſtand gegen die radikale Partei gewagt hatten, wurden durch die Leiter des Ausſchuſſes vollſtändig mundtot gemacht.

Fettmilchs und Weitzens Ziel war es jetzt, die wenn auch nur nominelle Herrſchaft des alten Rates zu beſeitigen und alle Ratsſitze durch Mitglieder der Umſturzpartei zu beſetzen, ſo daß dieſe dann in Wahrheit unumſchränkte Herrin der Stadt wäre. Da die alten Ratsmitglieder ſich nicht gutwillig ver⸗ drängen laſſen wollten, überfiel ſie die aufgeſtachelte Menge im Römer, ſperrte ſie daſelbſt drei Tage lang ein und ängſtigte ſie derart, daß ſie, jeden Mutes bar, erklärten, ihr Amt niederlegen zu wollen. Hierauf gab man ihnen die Freiheit wieder. So beſtand der Rat jetzt nur noch aus den achtzehn neuen Mitgliedern. In der Stadt geberdete ſich inzwiſchen Fettmilch als Diktator; auf ſein Geheiß wurden die Stadtthore geſchloſſen, und nur die von ihm mit einem Paß Verſehenen durften ein⸗ und ausgehen. Daß damals gerade die Subdelegierten wieder in Frankfurt eintrafen, ſchüchterte ihn und den Ausſchuß nicht im min⸗ deſten ein. Ihrer Vorladung leiſteten die Ausſchußmitglieder keine Folge und erklärten rund heraus, für diesmal hätten ſie nichts mit ihnen zu ſchaffen; ſie wollten erſt mit dem alten Rat ihre Rechnung ab⸗ machen.

Es iſt begreiflich, daß es den Juden während all dieſer Ereigniſſe immer unheimlicher zu Mute ward. Sie verſuchten langſam und heimlich ihre Habe nach auswärts in Sicherheit zu bringen. Aber die Wache an der Judengaſſe ließ nichts Verdächtiges durch, und ſogar das auf Mainſchiffe Verladene wurde wieder ausgeladen und auf dieSchmidtſtube, das Verſammlungslokal des Ausſchuſſes, gebracht. Außer⸗ dem wurde von der geängſtigten Gemeinde eine Summe von 1000 Gulden unter dem NamenSchutz⸗ geld erpreßt.

Noch einen letzten Verſuch machten die Kommiſſarien, die bethörte Menge zur Vernunft zu bringen. Sie beſchieden am 26. Mai Abgeſandte des Rates und der Bürgerſchaft zu ſich nach Höchſt und mahnten ernſtlich zur Eintracht und Verſöhnung. Aber auch ſie richteten gegen den Trotz und Übermut Fettmilchs nichts aus. Er, der als Vertreter der Bürgerſchaft erſchienen war, ging auf keine ihrer Forderungen ein, und der Tag verlief ohne jedes Ergebnis. Die Kommiſſarien überließen nunmehr das Weitere dem direkten Einſchreiten des Kaiſers ſelbſt, dem ſie zu einer ſtrengen Beſtrafung der Rädelsführer rieten. Doch dieſer verharrte noch einige Zeit lang in rätſelhaftem Schweigen, das viele für die unheimliche Ruhe vor dem